Eine Gesamtdarstellung
Über den Widerstand gegen das NS-Regime

Wer sich während der NS-Diktatur zum Widerstand entschloss, gehörte einer kleinen Minderheit an. Die meisten anderen hielten still. Das machte jede Opposition umso schwerer und riskanter.

Dienstag, 07.05.2019, 12:16 Uhr aktualisiert: 07.05.2019, 12:20 Uhr
Der Historiker Wolfgang Benz.
Der Historiker Wolfgang Benz. Foto: Tim Brakemeier

München (dpa) - Zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus dürften den meisten zuerst die Weiße Rose und das Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 einfallen. Bei vielen hört es damit dann auch schon auf.

Dabei war das Spektrum, derjenigen, die sich der Ideologie der Nazis verweigerten, die öffentlich protestierten, sich im Geheimen widersetzten oder oft mit großem Risiko für das Ende der Diktatur kämpften, erstaunlich breit.

Angesichts von Millionen überzeugter Nazis und angepasster Mitläufer waren die, die sich zum Widerstand entschlossen, allerdings eine verschwindend kleine Minderheit, wie der Historiker und frühere Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung in Berlin, Wolfgang Benz (77), überzeugend nachweist. Sein jüngstes Buch «Im Widerstand. Größe und Scheitern der Opposition gegen Hitler» ist fast zeitgleich mit Thomas Karlaufs neuer Biografie über Claus Schenk Graf von Stauffenberg erschienen.

In den kommenden Monaten sind noch einige Neuerscheinungen zur NS-Geschichte zu erwarten. Schließlich jähren sich Stauffenbergs Attentat zum 75. und der Überfall der Deutschen Wehrmacht auf Polen am 1. September zum 80. Mal. Benz, beim Thema Nationalsozialismus ein ausgewiesener Experte, hat eine Gesamtdarstellung vorgelegt, die einen guten Überblick gibt über die verschiedenen Gruppen, Organisationen und Einzelpersonen, die sich der Diktatur widersetzten.

Denn eine gemeinsame breite Widerstandsbewegung gab es nicht. Die Motive, die Ziele und die Vorstellungen über die Zeit nach der NS-Diktatur waren so unterschiedlich wie die Überlegungen dazu, wie sie umzusetzen seien. Versuche, solche Differenzen zu überwinden, waren die Ausnahme. Das machte den Nazis und der Gestapo die Verfolgung leichter.

Es gab zum Widerstand entschlossene Nazigegner von links, aus der Arbeiterbewegung, der SPD und KPD, Oppositionelle aus dem politischen Katholizismus und aus dem konservativem Bürgertum. Es gab mutige Einzelpersönlichkeiten wie Georg Elser, dem es im November 1939 fast gelang, Hitler mit einer Bombe zu töten und der jahrzehntelang fast vergessen war.

Es gab Widerstandsgruppen wie den Kreisauer Kreis um Helmuth James Graf von Moltke und Peter Graf Yorck von Wartenburg, die für das Ende der NS-Diktatur kämpften oder wie die Rote Kapelle, in dem sich Beamte, Künstler, Intellektuelle, Konservative wie Kommunisten zusammenfanden. Und es gab Nazigegner in Teilen der katholischen und evangelischen Kirchen, die ihre Mitglieder allerdings nicht geschlossen zum Widerstand aufriefen.

Die bürgerlichen Eliten waren in den ersten Jahren der NS-Diktatur mit vielem einverstanden, was die neue Führung politisch vorgab. Opposition entwickelte sich spät. «Es brauchte noch einmal Zeit, bis Militärs, Beamte, Diplomaten sich entschlossen, den Sturz des Diktators und eine neue Staatsordnung zu planen», schreibt Benz.

Waren sie blind für die Gefahren, die von den Nazis ausgingen? «Gehorsam zu verweigern, gehörte nicht zur Tradition und Erziehung der meisten Deutschen», lautet die Einschätzung des Historikers. Und: «Zu bedenken bleibt, dass alle Arten von Opposition, von der stillen Verweigerung bis zum militanten Widerstand, vom nationalsozialistischen Regime als Verrat diffamiert und als Pflichtverletzung oder Treuebruch gebrandmarkt worden sind.»

Lesenswert ist alles, was Benz zusammengetragen hat, vieles aber auch ernüchternd: Nicht nur, dass die Widerstandsversuche weitgehend gescheitert sind, nicht nur, dass sie für diejenigen, die sich auflehnten, erschreckend oft unter dem Fallbeil oder am Galgen endeten. Benz lässt auch keinen Zweifel daran, dass der Widerstand zwar vielfältig war, aber eben doch die Ausnahme: «Wer sich, aus welchen Motiven auch immer, zum Widerstand gegen das NS-Regime entschloss, wählte die Einsamkeit des Außenseiters und nahm das Unverständnis der Mehrheit auf sich.»

Nicht nur die Nutznießer der Diktatur, die Claqueure, die direkt Beteiligten passten sich geschmeidig an, betont Benz: «Widerstand gegen die Obrigkeit findet auch keine Zustimmung bei den Naiven, den Teilnahmslosen, den Betörten und schon gar nicht das Verständnis derer, die die Augen vor Rechtsbruch und Missachtung der Menschenrechte schließen.» Wenn in diesem Jahr mehr noch als sonst an den 20. Juli erinnert wird, sollte das nicht vergessen werden.

- Wolfgang Benz: Im Widerstand. Größe und Scheitern der Opposition gegen Hitler. C. H. Beck Verlag München, 556 Seiten, 32 Euro, ISBN 978-3-406-73345-1.

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