TV-Tipp
Tatort: Angriff auf Wache 08

Früher dachten die Menschen bei einer Sonnenfinsternis, das Ende der Welt stehe bevor. Ein Hauch von Apokalypse prägt auch den neuen Tatort mit Ulrich Tukur. Vor allem aber geht es um eine alte Freundschaft und alte Zeiten.

Sonntag, 20.10.2019, 00:01 Uhr aktualisiert: 20.10.2019, 00:04 Uhr
Hauptkommissar Felix Murot (Ulrich Tukur) in einer misslichen Lage.
Hauptkommissar Felix Murot (Ulrich Tukur) in einer misslichen Lage. Foto: Bettina Müller

Frankfurt/Main (dpa) - Die ersten Toten gibt es gleich in den ersten Minuten des neuen Hessen-Tatorts «Angriff auf Wache 08», der am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten ausgestrahlt wird.

Hauptkommissar Felix Murot (Ulrich Tukur) zieht es aber nicht zum Tatort, da mag die Assistentin noch so sehr drängen. Der LKA-Ermittler hat Urlaub, basta. Entsprechend entspannt summt er vor sich hin, mit einer Flasche Single Malt auf dem Beifahrersitz für seinen alten Freund Walter Brenner (Peter Kurth) aus gemeinsamen BKA-Tagen.

Brenner, schnauzbärtig, etwas übergewichtig und infolge einer wandernden Kugel in der Nähe der Wirbelsäule indisponiert, kann von den Aufregungen in Zeiten des RAF-Terrors der 80er Jahre nur noch träumen. Er ist mittlerweile Museumspolizist, in einer umfunktionierten Polizeiwache irgendwo zwischen Frankfurt und Offenbach. Was immer sonst hier war - mittlerweile ist Gras darüber gewachsen. Und Brenner, unterstützt von der Verkehrspolizistin Cynthia Roth (Christina Große), erzählt feixenden Schülern von den alten Zeiten, als Zeugenaussagen noch mit der Schreibmaschine getippt wurden.

Bis dann eben kurz vor einer totalen Sonnenfinsternis das Chaos ausbricht. Erst hat ein Gefangenentransport eine Reifenpanne und glaubt, bei einer «echten» Polizeiwache Hilfe zu finden. Dann stürzt ein offensichtlich unter Schock stehendes junges Mädchen mit einer gerade abgefeuerten Waffe in die Wache. Und schließlich gerät das Gebäude unter den Beschuss unbekannter, aber bis an die Zähne bewaffneter Angreifer.

Es ist schon eine seltsame Schicksalsgemeinschaft, die ohne Handy, ohne Internet und ohne funktionierendes Funkgerät zusammenkommt: Unter anderem ein hysterischer Schließer, der als Polizistensohn zwar Uniform tragen, aber möglichst gefahrlos leben wollte, ein als Kannibale zu lebenslanger Haft verurteilter Straftäter, ein traumatisierter Teenager.

Spätestens, wenn im Schein einer auf dem Boden liegenden Schreibtischlampe Lagerfeuer-Atmosphäre aufkommt, die Whiskyflasche kreist und Brenner zur Abwechslung mal eine Mundharmonika statt Zigarre im Mund hat, erinnert die belagerte Wache an den Schauplatz von Western-Klassikern wie «Rio Bravo». Und ist der harte, abgeklärte Brenner etwa nicht die hessische Antwort auf John Wayne? Der Lobgesang auf einsame Männerfreundschaften, die Misfits, die in Ausnahmesituationen über sich selbst hinauswachsen, die bleigefüllte Luft, selbst eine abgesägte Schrotflinte, die gegen all die automatischen Waffen zum Einsatz kommt - das ist Wildwest im Rhein-Main-Gebiet.

Gedreht wurde übrigens auf dem Gelände der ehemaligen Ray Barracks in Friedberg - hier war einst Elvis Presley während seiner Militärzeit in Deutschland stationiert. «Wir werden hier Einiges gepflegt in die Luft jagen», kündigte Regisseur Thomas Stuber schon bei den Dreharbeiten an - und dieses Versprechen wird reichlich eingelöst. Vor allem aber trumpft dieser «Tatort» mit großartigen Miniszenen, -dialogen und Filmzitaten auf, die auch die Nebenrollen glänzen lassen. Der Filmschnitt tut das Übrige, um aus vielen kleinen Szenen-Juwelen ein überzeugendes Ganzes zu schmieden.

So kann Thomas Schmauser in der Rolle des kannibalischen Mörders sanfte Bedächtigkeit mit gerade einem Hauch von höflichem Psychopathen verbinden. Christina Große jammert als Polizistin mit abgeschossenem Ohrläppchen: «Wenn ich das hier überlebe, werde ich keinen Typen mehr abkriegen». Und Drehbuchautor Clemens Meyer hat sich sogar eine eigene Rolle geschrieben und kommentiert als schräger DJ «Ecki» fürs Lokalradio. Vor allem aber Peter Kurth spielt als Walter Brenner eine Paraderolle mit Knalleffekten. Wenn das Ende an eine Mischung aus «Wem die Stunde schlägt» und einem Show-down Quentin Tarantinos erinnert, liegt trotz lustvoll inszenierter Gewalt und Zerstörung ein Hauch von Romanze in der Luft. Vielleicht sieht man sich ja mal wieder.

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