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Land der Einzelkinder

Von 1979 bis 2015 galt in China die Ein-Kind-Politik - bis heute prägt sie die Gesellschaft. Bei der Umsetzung des gigantischen bevölkerungspolitischen Experiments gab es schwere Menschenrechtsverletzungen. Eine Arte-Dokumentation bemüht sich nun um Aufklärung.

Dienstag, 22.10.2019, 00:01 Uhr
Kleinkinder beim Mittagessen in der Kindertagesstätte «Magic International Daycare».
Kleinkinder beim Mittagessen in der Kindertagesstätte «Magic International Daycare». Foto: How Hwee Young

Berlin (dpa) - Als China 1979 die Ein-Kind-Politik einführt, glaubt der Staat, die Bevölkerung dadurch schützen zu können. Die Population ist zu jener Zeit so groß, dass die Ressourcen nicht ausreichen, um alle zu ernähren.

Das Bevölkerungswachstum müsse daher reguliert werden, lautet damals die Rechtfertigung. Knapp 35 Jahre später erklärt China die Ein-Kind-Politik für beendet - als Reaktion auf die schnelle Überalterung und die rückläufige Geburtenrate. Bis dahin setzt sie der Staat aber mit Härte durch und greift zu Zwangsmaßnahmen, die im ganzen Land für Angst und Schrecken sorgen.

Welche Auswirkungen die Politik hatte und immer noch hat, veranschaulicht am Dienstag (22. Oktober, 20.15 Uhr) eine Arte-Dokumentation. Um die nachhaltigen Folgen aufzuarbeiten, kehrten die beiden heute in den USA lebenden Regisseurinnen Nanfu Wang und Jialing Zhang ins «Land der Einzelkinder» zurück und sprachen mit Familienangehörigen, Journalisten, Künstlern, ehemaligen Menschenhändlern sowie Behördenmitarbeitern.

Was die Interviewten erzählen, ist äußerst erschreckend. Ältere Dorfbewohner berichten darüber, wie Schergen des Staates ihnen Kinder wegnahmen und zudem hohe Bußgelder verhängten. Eine Hebamme erinnert sich, wie Ungeborene abgetrieben wurden, als sie schon acht oder neuen Monate alt waren. Der Staat ließ demnach Schwangere, die geflohen waren, einfangen, zwang Frauen zur Sterilisation und bewirkte durch derartige Maßnahmen, dass viele Familien Neugeborene aussetzten, um harten Strafen zu entgehen.

Diese Praxis setzte schließlich ein kommerzielles System in Gang, in dem es Menschenhandel gab. Wer an den vielen Müllhalden ausgesetzte Babys fand, brachte sie in Waisenhäuser und erhielt dafür auch schon mal Geld. Zugleich setzte der Staat ein Adoptionsprogramm auf, das sich an ausländische Familien richtete. Auf diese Weise verkauften die Waisenhäuser die Babys ins Ausland weiter, ohne den neuen Eltern die Wahrheit darüber zu sagen, woher die Kinder stammen. Das alles thematisiert die Doku.

In China, das macht der Film deutlich, gibt es wohl keinen, dessen Leben nicht von der Ein-Kind-Politik beeinflusst ist. Archivaufnahmen zeugen von hartnäckiger, allgegenwärtiger Propaganda, die sich in den Köpfen der Menschen festgesetzt hat und sie noch heute glauben lässt, dass die damalige Familienplanung richtig war. Ihr Gesichtsausdruck, in dem seelisches Leid zum Vorschein kommt, spricht jedoch eine andere Sprache.

Viele Chinesen versuchen, die Vergangenheit zu vergessen. Ein großer Teil der Bevölkerung reagiert noch immer beklommen, wenn es um dieses brisante Thema geht. Als die Ein-Kind-Politik für beendet erklärt wurde, ließ die kommunistische Partei feierlich verkünden, dass sie China mehr Wohlstand und der Welt mehr Frieden beschert habe. Über die ungeheuren Menschenrechtsverletzungen wird jedoch bis heute geschwiegen. Nanfu Wang und Jialing Zhang wollten sie zur Sprache bringen.

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