Porträts
Berührende Geschichten: «Nachts ist jeder ein Feind»

Der psychisch Kranke, der zum Mörder wird. Die Mutter, die auf der Straße überfahren wird. Die drei Babys, die kurz nach der Geburt ausgesetzt werden. Es sind Einzelschicksale, die manchmal nur pars pro toto stehen. Ihre Geschichten berühren.

Dienstag, 10.12.2019, 15:01 Uhr aktualisiert: 10.12.2019, 15:04 Uhr
«Nachts ist jeder ein Feind. Wahre Geschichten aus Deutschland» von Bruno Schrep.
«Nachts ist jeder ein Feind. Wahre Geschichten aus Deutschland» von Bruno Schrep. Foto: dpa

Stuttgart (dpa) - Bronia S. ist eines von 3265 Unfallopfern, die im vergangenen Jahr auf Deutschlands Straßen gestorben sind. Dass sie heute mehr ist als eine Zahl in der Statistik, einer von vielen anonymen Fällen, verdankt sie dem «Spiegel»-Autor Bruno Schrep.

Schrep hat die Geschichte von Bronia S. aus Litauen recherchiert, die im Alter von 73 Jahren ihre Nichte in Hamburg besuchen will - und dort im Feierabendverkehr ihr Leben verliert. Es ist eine von 17 «Wahre(n) Geschichten aus Deutschland» im Buch «Nachts ist jeder ein Feind».

Schrep schaut genau hin, achtet auf Details, darauf beispielsweise, wie Kissen bedruckt sind. So werden aus an sich schon tragischen Fällen besonders eindringliche Schicksale, einfühlsam beobachtet, nachrecherchiert und aufgeschrieben.

Da ist zum Beispiel der Obdachlose aus Rumänien, der sein Glück in Hamburg sucht - und scheitert. Da ist der tödliche Streit zwischen Halbstarken und einem Mann, der lieber ungestört geblieben wäre. Da ist die überforderte Pflegerin, die eine alte Seniorin schroff behandelt.

Da ist der bundesweit bekanntgewordene Fall eines kleinen Jungen, der im Supermarkt einen tödlichen Stromschlag erleidet. Da ist der junge Mann, der Stimmen hört und zum Mörder wird.

Da ist die Pflege-WG, in der alte Menschen an Beatmungsgeräten im Grunde nur noch darauf warten, dass diese abgestellt werden. Da sind drei Babys, die im Abstand von gut einem Jahr jeweils kurz nach ihrer Geburt ausgesetzt wurden und bei denen sich herausstellt, dass sie Schwestern sind. Und da sind die einst Verliebten, die sich nun vor Gericht über die Verwendung der einst eingelagerten Eizellen 3693 und 4280 streiten - «Folgen moderner Reproduktionstechnik, die hier verhandelt werden», wie Schrep nüchtern feststellt.

Gerade weil er aber nicht nur sachlich draufschaut, sondern mit den Betroffenen selbst, ihren Angehörigen und außenstehenden Experten gesprochen hat, bekommen die Geschichten Tiefgang. Die Porträts, die es gewissermaßen sind, können nahe gehen. Dabei sind die Schicksale nicht immer tödlich, wie es der düstere Titel vielleicht verheißen mag. Auch schreibt Schrep keineswegs reißerisch oder bauscht die Vorfälle zu einem spannenden Thriller auf. Vielmehr scheint er mit manchen Texten den Protagonisten die (letzte) Ehre retten zu wollen.

- Bruno Schrep: Nachts ist jeder ein Feind. Wahre Geschichten aus Deutschland, S. Hirzel Verlag, 187 Seiten, 18,90 Euro, ISBN 978-3-7776-2800-4.

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