Tatort: Tschill Out
Ein Til-Schweiger-„Tatort“ mit nur einer Leiche und kaum Action

Zuletzt standen „Tatort“-Folgen mit Til Schweiger vor allem für Explosionen, Schießereien und viele Tote. Mit der neuen Episode des LKA-Mannes Nick Tschiller und seinem Team hat das (vorerst) ein Ende. Stattdessen wird „getschillt“ - also ein bisschen zumindest.

Sonntag, 05.01.2020, 15:40 Uhr aktualisiert: 05.01.2020, 17:05 Uhr
Yalcin Gümer (Fahri Yardim, l-r), Tom Nix (Ben Münchow) und Nick Tschiller (Til Schweiger) in dem neuen «Tatort».
Yalcin Gümer (Fahri Yardim, l-r), Tom Nix (Ben Münchow) und Nick Tschiller (Til Schweiger) in dem neuen «Tatort». Foto: Christine Schröder

Hamburg (dpa) - Til Schweiger hat einen neuen „Tatort“ gedreht, seinen sechsten. Wer jetzt wieder wilde Action und viele Leichen erwartet, der wird enttäuscht. Stattdessen gibt es in der neuesten Folge des Sonntagskrimis aus Hamburg nur eine einzige Leiche. Und der Mörder wird tatsächlich mit handfester Polizeiarbeit ermittelt. Ein paar kleine Schießereien gibt es trotzdem - und ansonsten einen vergleichsweise gechillten wie emotionalen Nick Tschiller. 

Wie ist die Ausgangslage?

Tschillers Tochter Lenny (Luna Schweiger) hat den suspendierten Hauptkommissar des Landeskriminalamtes für drei Monate auf eine Insel geschickt, auf die zu Hamburg gehörende Insel Neuwerk im Wattenmeer vor Cuxhaven. Dort soll er mit traumatisierten Jugendlichen arbeiten und auf diese Art auch sein eigenes Trauma verarbeiten. Bei seinem letzten offiziellen Einsatz ist seine Ex-Frau ums Leben gekommen und in seinen Armen gestorben. Tschiller gibt sich dafür die Schuld.

Wie macht sich Tschiller als Erzieher?

Die Erziehung der labilen jungen Leute geht Nick Tschiller eher unorthodox, verständnisvoll und auch ein bisschen fahrlässig an. Ansonsten hat er eine kurze Romanze mit seiner Kollegin Patti Schmidt (Laura Tonke), genießt die ruhige Weite auf der grünen Mini-Insel mit Dauerregen und kämpft mit seinen Dämonen. „Akuten Realitätsverlust aufgrund eines verzerrten Selbstbildes“ wirft ihm seine Kollegin in dem Zusammenhang vor. Gänzlich geläutert ist Tschiller trotz der Zeit auf der Insel nämlich nicht. „Du hast Scheiße gebaut, darum bist du hier. Ich hab getan, was ich tun musste“, erklärt er an einer Stelle einem der verhaltensauffälligen Jugendlichen.

Worum geht es in dem Mordfall?

Am Ende ist das Chillen schneller vorbei als ihm lieb ist und er wird wieder in den Polizeialltag gezogen: Sein Partner, Kommissar Yalcin Gümer (Fahri Yardim) bringt den Kronzeugen Tom Nix (Ben Münchow) auf die Insel. Dessen Bruder ist kurz zuvor auf einem Rastplatz von einem Scharfschützen niedergestreckt worden. Die beiden Punkrocker sollten als Kronzeugen in einem Verfahren wegen Drogenhandels im Darknet aussagen und Gümer wollte die beiden dafür in ein Safehouse fahren.

Was sorgt für besondere Spannung?

Gümer vermutet einen Maulwurf in den eigenen Reihen. Der einzige, dem er noch vertraut, ist Tschiller. Obwohl der nicht begeistert ist, gewährt er Eddie auf seinem Sofa auf der Insel Neuwerk Asyl. Gümer ermittelt währenddessen auf dem Festland weiter die Hintergründe der Tat und sucht nach dem Mörder vom Rastplatz.

Warum ist es kein typischer Schweiger-„Tatort“?

Der neue Schweiger-„Tatort“ von Regisseur Eoin Moore überrascht nicht nur durch die geringe Anzahl an Leichen, Explosionen (keine) und zerstörte Autos (im Grunde nur ein kaputter Seitenspiegel). Auch die Erzählstruktur lässt durchaus eine gediegene Krimistimmung aufkommen und überrascht auch mit einer kleinen Wendung kurz vor Schluss. Die Charaktere in der an zwei Orten erzählten Geschichte bekommen genügend Raum, um sich zu entfalten. Vor allem die junge neue LKA-Kollegin Robin Pien (Zoe Moore) überzeugt mit ihrer taffen Art.

Normaler „Tatort“ statt „Dritter Weltkrieg“

Am Ende ist „Tschill out“ ein beinahe normaler Sonntagskrimi. Schweiger selbst bezeichnete die neue Episode im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur als „unseren Neustart“, vor allem wegen der wenigen Toten. „Dagegen war der jetzige „Tatort“ („Off Duty“/Juli 2018) der Dritte Weltkrieg“, sagte er dazu im Oktober.

Ob ein ruhiger Tschiller-„Tatort“ am Ende wirklich erstrebenswert ist, muss jeder Zuschauer für sich selbst entscheiden. Im Reigen der derzeit mehr als 20 deutschen „Tatort“-Teams war die Schweiger-Version zumindest bislang ein Garant für Abwechslung und „mal was Neues“. Und vielleicht wäre es doch ein bisschen schade, wenn Tschiller, Gümer und Co. in der Masse des Durchschnitts untergingen.

„Tatort: Tschill out“, zu sehen an diesem Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

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