Charlie-Hebdo-Zeichner
«Wir waren Charlie»: Ein Buch gegen das Vergessen

Vor fünf Jahren stürmten Terroristen in Paris das Satiremagazin «Charlie Hebdo». Der Cartoonist Luz entkam dem Anschlag. In seinem Comicroman «Wir waren Charlie» lässt er seine getöteten Kollegen wieder zum Leben erstehen.

Montag, 06.01.2020, 15:08 Uhr aktualisiert: 06.01.2020, 15:10 Uhr
Der französsiche Cartoonist Renald Luzier alias Luz 2012 in Toulouse.
Der französsiche Cartoonist Renald Luzier alias Luz 2012 in Toulouse. Foto: Frederic Charmeux/La Depeche

Paris (dpa) - «Jeder war auf andere Weise begabt… Der eine politisch, der andere grafisch, der nächste humoristisch… ». In «Wir waren Charlie» blickt der französische Cartoonist Luz auf seine Zeit als ehemaliger Charlie-Hebdo-Zeichner vor dem Terroranschlag auf die Satirezeitung am 7. Januar 2015 zurück.

Auf über 300 Seiten bringt Luz, der dem Anschlag auf die Pariser Redaktion mit zwölf Toten nur knapp entkam, seine Erinnerungen an die Kollegen mit Pinsel und Feder zu Papier. Ein Buch gegen das Vergessen und eine Hommage an den Beruf des Zeichners und Karikaturisten.

Mit viel Emotion und Nostalgie zeichnet Luz, im zivilen Leben Renald Luzier, das Porträt einer Redaktion, die mit ihren Illustrationen, Karikaturen und investigativen Reportagen mit linkem Einschlag für Meinungsfreiheit und gegen Extremismus in Religion und Politik kämpft. Im Jahr 2006 veröffentlichte «Charlie Hebdo» auch die umstrittenen, ein Jahr zuvor in Dänemark erschienenen Karikaturen zum Propheten Mohammed.

Luz skizziert die hitzigen Debatten, die explosive Arbeitsstimmung, Ängste, Siege und verlorene Kämpfe. Nebenbei lässt er die französische Politik der 90er und Nullerjahre Revue passieren, wie die Affäre Makomé M’Bowolé, die mit dem Tod eines jungen Afrikaners begann, der bei einem Verhör von einem Polizisten auf der Wache erschossen wurde, und die Demonstrationen 1997 gegen die Pasqua-Debré-Gesetze zur Erschwerung der Einwanderung, die mit der Besetzung einer Pariser Kirche ihren Höhepunkt fanden.

Zu den Ereignissen, die Luz in Erinnerung ruft, gehört auch die Wiedergründung von «Charlie Hebdo» im Jahr 1992. Die Satirezeitschrift war zunächst 1970 aus dem verbotenen Magazin «Hara-Kiri» hervorgegangen und 1982 eingestellt worden. Zu den jungen Talenten, die in den 90er Jahren rekrutiert wurden, gehörte auch Luz, der aus der Provinzstadt Tours nach Paris kam. Seine damalige Begegnung mit Cabu, dem einstigen künstlerischen Leiter von «Charlie Hebdo», der bei dem Terroranschlag ums Leben kam, wird in dem Buch zu einem bewegenden Moment.

Luz zeichnet von seinen Kollegen persönliche und intime Porträts. Cabu mit seiner Topffrisur und Nickelbrille war der Ruhepol der Redaktion und der große Zeichen-Meister, der selbst noch in der Manteltasche ein Porträt skizzieren konnte. Cabu karikierte neben der französischen Rechten vor allem den Dschihad. Von ihm ist auch der berühmt gewordene Satz: «Manchmal bleibt einem das Lachen im Hals stecken, aber der Humor bleibt unsere einzige Waffe.»

Dann ist da Charb, der ebenfalls bei dem Massaker getötet wurde. Der scharfzüngige Tabubrecher machte sich über alles und jeden lustig, auch über Luz, weil der noch mit Anfang 20 Jungfrau war. Charb wurde 2009 Herausgeber der Zeitung und stand nach der Brandstiftung auf die Redaktion im Jahr 2011 unter Polizeischutz. Bei dem Sturm zweier Attentäter auf die Zeitung wurde auch sein Leibwächter erschossen. 

«Wir waren Charlie» ist das zweite Buch von Luz, der seit dem Anschlag unter Polizeischutz steht. Das erste erschien im Mai 2015. Unter dem Titel «Katharsis» illustrierte er das verzweifelte Weiterleben nach dem Anschlag. Kurz darauf hörte er auch bei «Charlie Hebdo» auf. Dem Attentat entkam er nur, weil er damals zu spät in die Redaktion gekommen war. Der Grund: Sein Geburtstag. Luz ist am 7. Januar 1972 geboren.

Im Original heißt sein jüngstes Werk «Les Indélébiles», die Unauslöschlichen - als Hommage an seine Kollegen, deren Werk und Geist überdauert. Denn die Satirezeitung gibt es noch immer, auch wenn die Auflagenzahlen sinken. Wie Riss, der heutige Direktor und Überlebende des Angriffs, in einem Interview der Tageszeitung «Ouest France» sagte: Die Aufgabe sei nicht einfach, denn heutzutage sei alles blasphemisch. Doch gehe es darum, die Leser zum Nachdenken zu bringen, ihnen Hoffnung zu geben, sie kämpferisch zu machen, denn man dürfe sie nicht im Dunkeln lassen.

«Wir waren Charlie», von Luz, aus dem Französischen von Vincent Julien Piot, Tobias Müller und Karola Bartsch, 320 Seiten, Reprodukt Verlag, Berlin 2019, ISBN 978-3-95640-193-0, 29,00 Euro

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