Wolf und Homo sapiens
Auf den Hund gekommen

Mensch und Hund: Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft und was das mit dem Wolf zu tun hat. Ein Sachbuch zur Evolutionsgeschichte.

Mittwoch, 22.01.2020, 15:30 Uhr aktualisiert: 22.01.2020, 15:32 Uhr
«Darwins Hund. Die Geschichte des Menschen und seines besten Freundes» als Buch.
«Darwins Hund. Die Geschichte des Menschen und seines besten Freundes» als Buch. Foto: dpa

Berlin (dpa) - Der Hund gilt als treuester Begleiter des Menschen. Die innige Beziehung ist im Alltag unübersehbar - immerhin fast zwölf Millionen Hunde leben allein in deutschen Haushalten.

Dieses besondere Verhältnis zwischen Mensch und Hund wird als selbstverständlich hingenommen, doch das ist es keineswegs. Es hat sich erst in einem langen Prozess über Jahrtausende so entwickelt. Der Urahn des Hundes, der Wolf, konkurrierte einst mit dem Menschen um Nahrung und Raum. Doch als es dem Zweibeiner gelang, sich den Wolf zum Verbündeten zu machen und ihn zu domestizieren, entstand daraus eine Art «Dreamteam». Davon erzählt Bryan Sykes in seinem Buch «Darwins Hund».

Sykes ist ein renommierter britischer Genetiker und damit eigentlich streng der Wissenschaft verpflichtet. Doch zunächst beginnt er sein Buch mit einer Hypothese und illustriert diese sogar szenisch. Vor Zehntausenden Jahren begegneten sich Wolf und Homo sapiens irgendwo in den Karpaten, wo sie um dasselbe Großwild konkurrierten. Doch da der Homo sapiens schlauer als der Neandertaler war, hatte er nicht nur die besseren Waffen, er spannte auch geschickt die Wölfe in seine Jagd mit ein. Die Wolfsrudel hetzten nämlich das Wild so lange, bis es ermüdet zusammenbrach. Anschließend schlug die Stunde des Jägers, der das Tier gezielt mit seinem Speer tötete, die Beute wurde zwischen Mensch und Wolf geteilt. Heute würde man von einer «Win-win-Situation» sprechen.

Die These von der nutzbringenden Jagdgemeinschaft, der intelligenten Teamarbeit, hat jedenfalls einiges für sich. Daneben gibt es noch die sogenannte Abfalltheorie. Diese ist in den Augen von Sykes jedoch nicht nur «extrem öde», sondern inzwischen auch aus verschiedenen Gründen hinfällig. Danach hätten die Wölfe sich von den Abfällen der Menschen ernährt und sich ihnen so langsam angenähert. Wolfsrudel und menschliche Großfamilien sind sich übrigens nicht unähnlich. Es gibt klare Hierarchien, Aufgabenverteilungen und Verantwortlichkeiten. Auch das sprach für den domestizierten Wolf als Begleiter.

Charles Darwin mutmaßte seinerzeit noch, dass man wahrscheinlich nie den Urahn des Hundes finden würde. Auch Schakale und Kojoten galten lange Zeit noch als heiße Kandidaten. Doch dank der modernen Genetik ist der Beweis inzwischen erbracht, dass ausnahmslos alle Hunde von Wölfen abstammen, selbst Pudel, Chihuahua oder Möpse, die von ihrem Aussehen schwerlich noch ihre wilden Urväter erahnen lassen.

In einem für den Laien etwas zu wissenschaftlich und detailliert geratenen Kapitel erläutert Sykes die Genetik der Hunde und die Entstehung der einzelnen Rassen. Mutationen und Selektionen sind hier einfacher als beim Menschen. So sind etwa für die Körpergröße von Hunden nur wenige Gene verantwortlich. Sykes wirft auch einen Blick auf problematische Zuchterfolge. Um gefleckte Dalmatiner zu züchten, nahm man etwa mit in Kauf, dass die Tiere an Gicht litten, denn unglücklicherweise liegen die Gene auf demselben Chromosom eng beieinander. Eins war ohne das andere nicht zu haben.

Doch nicht nur äußerliche Merkmale lassen sich züchten, auch bestimmte Charaktereigenschaften. Der Mensch hat den Hund ganz nach seinen Maßstäben und Bedürfnissen geformt, als Wach-, Hüte- oder Schoßhund. Und während das Verhältnis zu ihm so immer inniger wurde, avancierte der Urahn Wolf zum Inbegriff des Bösen. Diese Entwicklung setzt Sykes mit dem Beginn der Sesshaftigkeit des Menschen an. Der viehzüchtende Mensch hat nun einmal andere Interessen als der Jäger. Für ihn ist der reißende Wolf kein Kumpel mehr, sondern ein Feind. Ein immer wieder aufflammender Konflikt, auch in Deutschland.

Sykes hat ein ebenso spannendes wie lehrreiches Buch nicht nur für Hundebesitzer geschrieben, in dem er Genetik, Verhaltensforschung und Fossilienkunde zusammenführt. Allerdings erscheint das Werk etwas disparat: Ein stark wissenschaftlich gehaltener Teil über Genetik fremdelt mit einem mehr auf Entertainment angelegten Kapitel über Hundegeschichten, das offensichtlich eine breitere Leserschaft ansprechen soll. Seine ganz persönliche Erfahrung mit Hund kann Sykes übrigens nicht beisteuern. Er besitzt nämlich keinen.

- Bryan Sykes: Darwins Hund. Die Geschichte des Menschen und seines besten Freundes, Klett-Cotta, Stuttgart, 319 Seiten, 22,00 Euro, ISBN 978-3-608-96448-6.

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