Wechselbad der Emotionen
Hypnotische Heilung: «When We Stay Alive» von Poliça

Nach einem schweren Unfall von Frontfrau Channy Leaneagh widmen Poliça ihr neues Album dem Thema Regeneration. Darauf erweitert die Band ihren Synthie-Sound - und spielt wieder ihre größte Stärke aus.

Dienstag, 04.02.2020, 06:00 Uhr aktualisiert: 04.02.2020, 06:04 Uhr
Channy Leaneagh hat einen langen Heilungsprozess hinter sich.
Channy Leaneagh hat einen langen Heilungsprozess hinter sich. Foto: Klaus-Dietmar Gabbert

Berlin (dpa) - Der Winter kann traumatisch sein. Poliça-Frontfrau Channy Leaneagh hat damit Erfahrung. Vor zwei Jahren stürzte die Sängerin beim Eiskratzen vom Dach, verletzte sich schwer an der Wirbelsäule und musste monatelang ein Korsett tragen.

Das neue Album der US-Band thematisiert Leaneaghs langwierige Heilung. In den zehn Songs von «When We Stay Alive» verarbeitet sie aber noch mehr als nur den Unfall.

Das Album hat eine große Stärke: Wie schon seine vier Vorgänger lebt es von Leaneaghs hypnotischer, glasklarer Stimme. Beim Opener mäandert sie zwischen Verzweiflung, Resignation und Gelassenheit. Während der Trip-Hop-Sound kühl dahinwummert, drückt der leicht verzerrte Gesang das Wechselbad dieser Emotionen im Alleingang aus. Das titelgebende Wort «Driving» singt sie in so unterschiedlichen Varianten, wie eine Genesung Gefühle hervorbringt.

Manchmal schwebt Leaneaghs Stimme über den Synthesizern, bis sie nur noch aus der Ferne hallt. Dann wieder erscheint sie ganz nah und verletzlich. Das erinnert an Björk und Portishead und klingt besonders bei «Feel Life» sehr reizvoll. Einen spannenden Kontrast bietet auch «Be Again»: Hämmernde Synthies verdichten sich zu einem harten, düsteren Sound, durch den Leaneaghs Stimme hervorbricht.

Im Verlauf der Platte scheinen die Lieder aufzutauen. Songs wie «Steady» und «Forget Me Now» hören sich poppiger an, der Gesang wirkt ohne starke Stimmeffekte zarter. Während «Steady» noch etwas fad daherkommt, ist «Forget Me Now» der große Hit - wie das Erwachen nach einem langen Winterschlaf.

Hier geht es aber weniger darum, eine körperliche Starre zu überwinden, als um den Prozess, sich aus einer toxischen Beziehung zu lösen. «What about me makes you lie right into my face?» fragt Leaneagh, die nach der Scheidung von ihrem Ex-Bandkollegen Alexei Moon Caselle auch musikalisch neue Wege einschlug und sich Poliça anschloss. Das war 2011. Die Band knüpft nun mit «When We Stay Alive» an ihr altes Werk an, ohne sich zu wiederholen. Vielmehr erweitern die fünf Musiker ihren Sound um viele neue Facetten.

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