«Die Verwandelten»
Brussig wechselt im Waschbär-Roman zu oft die Spur

Thomas Brussig lässt zwei Jugendliche aus Mecklenburg in einer Autowaschanlage zu Waschbären werden und erzählt von der Vermarktung der sensationellen Verwandlung. Der Roman hat seine komischen Seiten.

Donnerstag, 13.02.2020, 14:00 Uhr aktualisiert: 13.02.2020, 14:02 Uhr
Thomas Brussigs «Die Verwandelten».
Thomas Brussigs «Die Verwandelten». Foto: dpa

Göttingen (dpa) - Die mecklenburgischen Teenager Fibi und Aram verwandeln sich in einer Autowaschanlage in Waschbären, weil eine Quatschanleitung dazu aus dem Internet seltsamerweise funktioniert.

Dieser Start von Thomas Brussigs neuem Roman «Die Verwandelten», vom Verlag als «komischer Gesellschaftsroman» beworben, wird manchen zurückzucken lassen. Auf der anderen Seite hat sich Brussig (55) seit seinem Vereinigungs-Bestseller «Helden wir wir» Mitte der 90er Jahre und dem Nachfolger «Am kürzeren Ende der Sonnenallee», erfolgreich verfilmt als «Sonnenallee», dem Publikum als immer unterhaltsamer Autor mit Falkenblick für Grotesk-Komisches eingeprägt.

Im neuen Buch greift er ins Volle und lässt seine beiden Hauptpersonen als Waschbären, «aber unter Beibehaltung ihrer seelischen Identität», nach ihrer Tierwerdung das elterliche Zuhause im Dorf Bräsenfelde ansteuern. Das quicklebendige, trotzige Teenagermädchen Fibi kann sich auch als Waschbär munter unterhalten, während der zurückhaltendere Aram Menschen gegenüber verstummt. Vor allem aber hadert der talentierte Fußballer damit, dass die grundlegende Veränderung ausgerechnet am Tag vor seinem vielversprechenden Probetraining beim «Hasfau» (HSV) ihren Gang nehmen musste. Ansonsten aber nehmen Fibi und Aram den neuen Status und dessen vollkommen unerklärliche Ursache sensationell, denkt man als Leser, gelassen hin.

Dabei hilft, dass Fibis Eltern recht zügig der Gedanke zur Versilberung dieser Bräsenfelder Weltsensation mit Verwandlung von Mensch in Tier kommt. Gesagt, getan. Im mittleren Teil über die mediale Vermarktung von Fibi im Privatfernsehen mit den Strickmustern vom «Dschungelcamp» und Millionen-Einnahmen für die Familie nimmt Brussigs Roman satirisch Fahrt auf.

Beschwingt werden allerlei typische Figuren aus der Medienwelt vorgeführt, hemmungslos klischeehaft, aber immer verständnisvoll auch aus der eigenen Innensicht. Da ist die quotengeile Produzentin vom Privatfernsehen, die ihr blendendes Aussehen kühl kalkulierend einsetzt und bei den sabbernden Männern kinderleichtes Spiel hat. Komplexer und interessanter findet sie die Aufgabe, das «Beauty-Gap» gegenüber anderen Frauen so zu neutralisieren, dass diese sie als Freundin ins Herz schließen, statt sie als hoffnungslos überlegene Konkurrentin abzulehnen. «Wir dürfen bei geilen Männern Punkte machen, aber die dürfen wir nicht wieder bei eifersüchtigen Frauen verlieren.» Brussig lässt auch einen pensionierten Juristen, natürlich mit Fliege, zu Hochform beim finanziellen Ausschlachten der Waschbär-Sensation auflaufen. Zur Hand geht ihm eine patente Online-Journalistin mit vorher recht prekären Arbeitsverhältnissen.

All das bringt Spaß, weil Brussig die absurde Medienwirklichkeit offenbar bestens von innen kennt und gar nicht groß übertreiben muss, um Komik zu überzeugen. Vor allem wenn die Geschichte sie nicht hergibt, hat er keine Angst vor Witzen aus der unteren Schublade, wie beim Handy, das eingehen Mails mit einen Furz als Klingelton anzeigt und deshalb Probleme macht. Natürlich weiß der in die Jahre gekommene Handybesitzer nicht, wie man den Klingelton wegbekommt.

Schwerer wiegt, dass der Roman nicht nur einmal unmotiviert die Spur wechselt, aufwendig ausgelegte Spuren sich im Nichts verlieren und wir dabei der Hauptfigur eigentlich nie auch nur einen Millimeter näher kommen. Fibis plötzlichen Spurwechsel von der heimischen TV-Show als sprechender Waschbär zur Maskottchen-Rolle an der Seite von Popstar Ed Sheeran in London erzählt Brussig als langsamen Wechsel ins Tragikomische so, dass die Komik auf der Strecke bleibt. Bis die Geschichte einen fade schmeckenden Abschluss mit den Reflexionen eines mühsam an die Geschichte angeklebten Flüchtlingsmädchen aus Syrien über ihre Liebe zu Aram verpasst bekommt. Da ist das Buch längst kein «komischer Gesellschaftsroman» mehr.

- Thomas Brussig: Die Verwandelten, Wallstein Verlag, Göttingen, 328 Seiten, 20,00 Euro, ISBN 978-3-8353-3605-6.

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