Liveshow
«Pocher vs. Wendler»: Im besten Sinne «egal»

Das Coronavirus beunruhigt unzählige Menschen. Die Politik sorgt sich nach der Grenzöffnung der Türkei um eine neue Flüchtlingskrise. In der CDU suchen sie Führung. Vielleicht ist das Duell zwischen einem Comedian und einem Schlagersänger da das perfekte Kontrastprogramm.

Montag, 02.03.2020, 12:37 Uhr aktualisiert: 02.03.2020, 15:26 Uhr
Oliver Pocher (r) und Michael Wendler in der Live-Show "Pocher vs. Wendler - Schluss mit lustig!" bei RTL.
Oliver Pocher (r) und Michael Wendler in der Live-Show "Pocher vs. Wendler - Schluss mit lustig!" bei RTL. Foto: Rolf Vennenbernd

Köln (dpa) - Vor der Liveshow sind die Fronten ziemlich klar: Mehr als eine Million Abonnenten hat Oliver Pocher bei Instagram - sein Kontrahent Michael Wendler gerade mal rund ein Fünftel davon. Bei Facebook ist der Kontrast noch deutlicher.

Im RTL-Studio hingegen sind die Verhältnisse ausgewogen: Der Comedian und der Schlagersänger haben je 100 Fans zu ihrem Kampf «Pocher vs. Wendler» geladen. Es soll der Abschluss eines wochenlangen Zwists sein. Moderatorin Laura Wontorra spricht schon Anfang März vom «Duell des Jahres».

Wendler in Pochers «Zwergenschatten»

Nach neun Spielrunden und einem Finale gewinnt der 42-jährige Pocher am Sonntagabend deutlich gegen seinen 47 Jahre alten Gegner. Der sagt zu seiner Freundin Laura Müller: «Pech im Spiel, Glück in der Liebe». Und muss zur Strafe ein Video von Pocher drehen lassen, in dem er ihm Respekt zollt: «Jetzt ist es amtlich: Herr Pocher, Sie sind einfach eine Nummer zu groß für mich mit 1,70 Meter», liest er darin von Plakaten ab, die RTL Müller in die Hand gedrückt hat. «Ich stehe zurecht da, wo ich stehe: in Ihrem Zwergenschatten. Dieses Video ist das Ende vom Beef, das Ende einer wunderbaren Feindschaft.» Dann umarmen sich beide - schon zum zweiten Mal.

Ausgezeichnete Quote

Der Kampf hat eine Vorgeschichte, an der sich allerhand ablesen lässt: Wie sich das vergleichsweise träge Fernsehen dem Tempo des Internets annähert. Wie sich Künstler dort vermarkten. Und vielleicht auch ein bisschen, wie in Zeiten von Coronavirus, befürchteter Flüchtlingskrise und CDU-Führungssuche zahlreiche Menschen nach etwas Ablenkung suchen. Dafür spricht die ausgezeichnete Einschaltquote.

Alles in allem wollen 4,22 Millionen den Pocher-Wendler-Fight sehen. Der zeitgleiche «Tatort» im Ersten kommt zwar im Gesamtpublikum auf fast doppelt so viele Zuschauer. Bei den 14- bis 49-Jährigen ist RTL mit satten 27,4 Prozent Marktanteil allerdings starker Marktführer.

Die Vorgeschichte

Wochenlang lieferten sich die Duellanten eine Fehde aus der Ferne. Dabei war der selbst nicht allseits beliebte Pocher der weitaus Aktivere. Von Wendler hörte man eher mal Ärger und eine Klagedrohung.

Auslöser war vor über einem Monat ein Video von Müller, in dem die 19-Jährige ihrem Freund einen Pickup-Truck schenkt. Die auf Instagram veröffentlichte Schlüsselübergabe, bei der sehr oft die Wörter «Schatzi», «Baby» und «Ich liebe dich» fallen, parodierte das Ehepaar Pocher. Daraus wurde die «Wendler-Challenge», bei der schon unzählige Leute die Szene nachgestellt haben.

Danach verteilte Pocher immer häufiger Spitzen gegen den «Sie liebt den DJ»-Sänger, unter anderem mit einem Musikclip in Anspielung auf die Wendler-Single «Egal», deren Kernaussage auch in der Liveshow dauernd eingespielt wird.

Pocher profitiert

Pocher nutzte die öffentliche Aufmerksamkeit. Für seine Reichweite: Bei Instagram knackte er die Eine-Million-Abonnenten-Marke. Für sich als Geschäftsmann: Mit einer neuen Firma ist er auch als Produzent an der Liveshow beteiligt. Und um Gutes zu tun: So gehören zu den Sticheleien gegen Wendler T-Shirts unter anderem mit dem Ausdruck «egal.», die Pocher herstellen lässt. Die Hälfte der Einnahmen gingen an den «RTL-Spendenmarathon» und - in Anspielung auf ihr Alter - «wegen Laura auch für «Ein Herz für Kinder»», verspricht er. Als er sein Kontingent von 100 Karten für die Show verlost, sollen Fans Belege über Spenden für einen sozialen Zweck ihrer Wahl einreichen.

Der Kölner Privatsender wiederum braucht nach Pochers Darstellung ein wenig, bis er auf den Zug aufspringt: «Zunächst habe ich RTL die Idee für die Sendung angeboten - nicht alle haben sofort Hurra geschrien», sagte er dem Branchenportal dwdl.de. «170 Millionen Interaktionen auf meinem Instagram-Profil, weitere 200 Millionen auf Facebook und Millionen Klicks und Likes zu diesem Thema sprechen allerdings eine eindeutige Sprache.» Das Thema sei in der breiten Masse angekommen. «Hätten wir uns nicht auf eine TV-Show verständigt, wären wir damit in die Arena Oberhausen gegangen.» Pocher ist medienerprobt, denkt groß und weist den Vorwurf von sich, der ganze Streit sei fingiert.

Wenig einfallsreich

RTL hat dafür kurzerhand drei Filme aus dem Programm geschmissen und den Sonntagabend freigeschaufelt. Die Zuschauer bekommen nach der Liveshow, die fast eine Stunde länger dauert als geplant, auch noch Teile der Doku «Laura & Wendler - Total verliebt in Amerika» zu sehen.

Knapp zehn Tage seien Zeit für die Organisation der Show gewesen, so Pocher. Ein bisschen merkt man das auch: Die Spiele sind wenig einfallsreich. Mal muss Wendler sich Wäscheklammern ins Gesicht heften, mal Pocher Gegenstände aus einem Kühlschrank erinnern. Beide schmeißen sich in überdimensionalen Hand-Kostümen auf Matten, füllen mit Schwämmen auf einem Helm Säulen mit Wasser und zerschlagen rohe Eier an der Stirn. Es gibt Fragen an ihre Partnerinnen zum Beispiel über das erste Mal und Schätzfragen etwa zum Nachwuchs eines Zuchthengstes und der durchschnittlichen Ehedauer. Auch scheint die Sendung ab und zu aus dem Ruder zu laufen, Wontorra bremst Pocher.

Das Konzept erinnert an das TV-Duell «Alle auf den Kleinen» zwischen Pocher und Boris Becker nach einem Twitter-Kleinkrieg im Jahr 2013 oder Sendungen wie «Schlag den Star». Eine, die das Ganze offenbar schon seit geraumer Zeit nervt, ist Amira Pocher, Ehefrau des Comedian. Im «Exclusiv»-Beitrag vor der Show sagt sie: «Ich bin froh, dass das ein Ende findet.» Ob dem nun so ist, bleibt abzuwarten.


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