Harlekin Dreams
Andreas Kümmert geht seinen eigenen Weg

Einst schockte Andreas Kümmert ESC-Deutschland mit der kurzfristigsten aller Absagen und tauschte die ganz große Bühne gegen viele kleine. Jetzt kommt sein neues Album auf den Markt. Er nennt es sein «Opus Magnum», denn er war auf sich allein gestellt.

Montag, 09.03.2020, 06:00 Uhr aktualisiert: 09.03.2020, 06:04 Uhr
Andreas Kümmert ist jetzt sein eigener Boss.
Andreas Kümmert ist jetzt sein eigener Boss. Foto: Peter Steffen

München (dpa) - Andreas Kümmert hätte vielleicht eine Karriere haben können wie Lena Meyer-Landrut. Doch 2015 machte er bundesweit Schlagzeilen, weil er sich dagegen entschied.

Gerade hatte der Unterfranke den deutschen Vorentscheid für den Eurovision Song Contest (ESC) mit überragender Mehrheit gewonnen, da erklärte er einem überraschten Millionenpublikum der Entscheidungsshow «Unser Lied für Österreich», er wolle und könne das alles gar nicht. Er überließ es der Zweitplatzierten Ann Sophie, für Deutschland zum ESC nach Wien zu fahren. Sie wurde Letzte - und Kümmert für seine kurzfristige Absage angefeindet.

Später begründete er seine Entscheidung im «Stern» mit «Angststörungen». Er habe unkontrollierbare Angst- und Panikattacken bekommen an jenem Tag. «Plötzlich hatte ich Atemnot. Ich schwitzte. Ich habe gedacht, ich sterbe.» Er sagte dem Magazin: «Es ist ein Paradoxon für mich: Ich brauche die Öffentlichkeit - und habe Angst vor ihr.» Diese Schwierigkeiten verarbeitete er auch auf seinem 2016 erschienenen Album «Recovery Case» (etwa: Genesungsfall).

Kümmert hat sich für eine andere Öffentlichkeit entschieden, eine kleinere. Statt in großen Hallen tritt der inzwischen 33 Jahre alte Musiker, der 2013 «The Voice of Germany» gewann, lieber in Clubs auf. Sein neues Album «Harlekin Dreams» (Harlekin-Träume) ist das dritte seit dem ESC-Skandälchen - und das erste seit vielen Jahren, das er nicht bei einem großen Label veröffentlicht.

Ein «herber Rückschlag» sei es gewesen, als die Plattenfirma Universal die Zusammenarbeit mit ihm ebenso beendete wie sein Management, heißt es in einer Mitteilung zum neuen Album. «Aber in jedem Ende wohnt bekanntlich ein neuer Anfang.» Kümmert gründete sein eigenes Label mit dem ironischen Namen «Vomit Records» (etwa: Kotz-Platten). «Zurück zu den Wurzeln», heißt es in der Ankündigung. Keine Marketingexperten mehr, «die am Brei mitrühren. Andreas Kümmert pur.»

Der erste Song «Something In My Heart» auf dem neuen Album startet schlicht mit einem entschiedenen «Ha», das kämpferisch klingt, fast trotzig. Als wolle er sagen: Jetzt erst recht. Dann geht der Song so weiter, wie Fans Kümmert lieben: Kraftvoll, röhrend, melancholisch, ungekünstelt - aber auch facettenreicher als sonst, mit einer ungewohnten, kurzen Episode Sprechgesang. Auch in «Evan», «Secret», «Gone» und «Til I Die» präsentiert er seine unbestrittene Gabe für große, gefühlvolle Balladen.

Der zweite Song des Albums, «Milk», geht in eine ganz andere Richtung, könnte auch von Volbeat stammen, «Fukk Up» ist eine rockige, temporeiche Party-Nummer, «Funky Slith» fast poppig. «Blue Bird» spielt mit Blues- und Soul-Elementen und «She Said» mit Country. Von allem was dabei.

Neun Monate hat Kümmert laut Mitteilung an der Platte gearbeitet, alle Lieder ohne Co-Songwriter geschrieben und fast alle Instrumente selbst eingespielt - auch aus der Not heraus, wie die fränkische «Main Post» schreibt: Er habe schlicht nicht mehr das Budget wie früher bei Universal.

Sein «Opus Magnum» nennt Kümmert das Album trotzdem - und einen «Befreiungsschlag». «Universal wollte von mir immer Songs haben, die aus der Sicht des Radiohörers funktionieren», zitiert ihn die Zeitung. «Ich bin auf jeden Fall viel zufriedener mit dem, was ich jetzt mache, und kann mir das Album auch mal am Stück anhören. Das ist mir bei den anderen Alben schwergefallen.»

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