Deutsches Theater
Liebe im Gymnastikraum: Kirill Serebrennikows «Decamerone»

Der russische Regisseur Kirill Serebrennikow stand lange unter Hausarrest. Nun hat er am Deutschen Theater in Berlin einen wilden und feinfühligen Abend inszeniert - allerdings aus der Distanz. Denn noch läuft ein Prozess gegen ihn.

Montag, 09.03.2020, 07:59 Uhr aktualisiert: 09.03.2020, 08:04 Uhr
Kirill Serebrennikow hat Boccaccios «Decamerone» inszeniert.
Kirill Serebrennikow hat Boccaccios «Decamerone» inszeniert. Foto: Annette Riedl

Berlin (dpa) - Eigentlich sind die Geschichten aus dem 14. Jahrhundert, aber am Deutschen Theater wirken sie wie eine TV-Serie von heute: Der russische Regisseur Kirill Serebrennikow hat in Berlin das Stück «Decamerone» inszeniert.

Wegen eines umstrittenen Prozesses konnte der 50-Jährige aber nicht selbst anreisen, wie das Theater erklärte. Stattdessen wurde teilweise in Moskau geprobt.

Seine zehn Geschichten sind angelehnt an den italienischen Schriftsteller Giovanni Boccaccio. Der schilderte, wie Menschen vor der Pest aus der Stadt fliehen und sich Geschichten erzählen. Serebrennikow lässt sie in einem Gymnastikraum zusammenkommen.

Zwischen Sitzbällen und Sprossenwand geht es um Liebe und Verlangen, Optimierung und Influencer, Vergänglichkeit und Tod. Ältere Frauen treiben Sport; ein Mann flieht in die Askese; ein Stallbursche verliebt sich; ein Vater stürzt seine Tochter ins Unglück. Und eine Masseurin organisiert für ihre Chefin einen Liebhaber.

Serebrennikow zählt zu den bekanntesten russischen Regisseuren. Er ist vor allem für Opernaufführungen auch in Deutschland bekannt. Nach Angaben des Deutschen Theaters inszeniert er nun erstmals ein Schauspielstück in Deutschland. Es geht körperlich und nackt, wild und feinfühlig zu. Die Schauspieler sprechen teils russisch und teils deutsch, manchmal huschen sie mit Mundschutz über die Bühne.

Für ihn spreche Boccaccio nicht «über das Heute, sondern über das Immer». «Und wie mal ein weiser Mann sagte: 'Wenn Sie modern sein wollen, tun Sie das Zeitlose'», erklärt Serebrennikow im Programmheft. «Wenn es sich nicht verbieten würde, darüber zu scherzen, dann müsste man feststellen, dass eine Welt, in der das Coronavirus tobt, sehr nah an dem ist, was sich Mitte des 14. Jahrhunderts in Boccaccios Werk abspielte.»

In Russland ist der Künstler angeklagt. Nach einer Festnahme 2017 stand er rund anderthalb Jahr unter Hausarrest. Die Ermittler werfen ihm und einigen Mitarbeitern seiner Produktionsfirma vor, staatliche Fördergelder in Millionenhöhe unterschlagen zu haben. Sie konnten die Vorwürfe, die Serebrennikow abstreitet, bislang aber nicht ausreichend belegen. Bei der Premiere am Sonntagabend in Berlin fehlte der Regisseur. Schauspieler erinnerten mit T-Shirts an ihn.

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