Bestsellerautor
Unschuldig in der Todeszelle: John Grishams «Wächter»

John Grisham greift in seinen Thrillern immer wieder brisante Themen aus dem amerikanischen Justizsystem auf. Auch sein neuer Roman «Die Wächter» enthält eine Botschaft. Es geht um Menschen, die unschuldig viele Jahre in der Todeszelle sitzen.

Dienstag, 10.03.2020, 11:29 Uhr
US-Autor John Grisham packt heiße Eisen an.
US-Autor John Grisham packt heiße Eisen an. Foto: Loic Venance

Berlin (dpa) - John Grisham ist ein Phänomen. Seit gut 30 Jahren veröffentlich der frühere Anwalt, der gerade seinen 65. Geburtstag feierte, mit schöner Regelmäßigkeit Romane, die die Bestsellerlisten stürmen. Immer wieder im Mittelpunkt steht darin das amerikanische Justizsystem mit seinen Unzulänglichkeiten.

In seinem neuen Roman «Die Wächter» nimmt sich der US-Schriftsteller ein besonders kontroverses Thema vor: Das Drama von Menschen, die unschuldig in der Todeszelle sitzen und denen das Justizsystem nie eine gerechte Chance gegeben hat.

Im Mittelpunkt des Romans steht Cullen Post, ein ehemaliger Anwalt, der nach einer Lebenskrise Geistlicher wurde und sich schließlich bei den «Wächtern» engagierte. Diese kleine, durch Spenden finanzierte Organisation nimmt sich Fällen von Menschen an, die in der Todeszelle sitzen, von deren Unschuld die Gruppe aber überzeugt ist. Durch seinen juristischen Hintergrund ist Post besonders qualifiziert.

Die Organisation befasst sich im Roman mit mehreren Fällen, aber auf einen konzentriert sich Grisham ganz besonders. Quincy Miller wurde vor 22 Jahren von einem Gericht in Florida zum Tode verurteilt, weil er einen Anwalt in dessen Kanzlei erschossen haben soll. Grundlage für die Verurteilung war die Aussage einer Frau, die kurz nach der Tat einen Afroamerikaner mit etwas, das ein Gewehr gewesen sein könnte, in der Nähe des Tatorts gesehen haben will.

Post, für den es nichts zu geben scheint außer seiner Arbeit, macht sich voller Elan daran, dem Mann zu helfen. Immer im Mittelpunkt steht dabei der Versuch, Gründe für einen neuen Prozess zu finden. Nur wenn es neue Beweise gibt, die die Unschuld seines Mandanten belegen, kann Post seinen Mandanten aus dem Gefängnis holen.

Dabei geht es aus juristischen Gründen immer nur um die Unschuld des Verurteilten, nicht darum, wer der wirkliche Täter war. Aber natürlich steht diese Frage immer im Raum, als sich Post in den Fall hineinarbeitet, Zeugenaussagen hinterfragt und die alten Dokumente auf Lücken untersucht.

Post ist ganz eindeutig Grishams Sprachrohr, als er die psychische Ausnahmesituation von Gefangenen schildert: «Gefängnis ist für diejenigen, die es verdient haben, ein Albtraum. Für die, die es nicht verdient haben, bedeutet es einen täglichen Kampf darum, nicht den Verstand zu verlieren. Insassen, die erfahren, dass es Beweise für ihre Unschuld gibt, und trotzdem in Haft bleiben, treibt die Situation in den Wahnsinn.»

Grisham lässt seine Hauptfigur wie einen Detektiv nach der Wahrheit suchen und dabei Abgründe im Justizsystem entdecken, die schlimmer sind als alles, was er vorher gekannt hatte. Die mittelamerikanische Drogenmafia scheint den gesamten Staat Florida unterwandert zu haben und zu allem fähig zu sein, um diese Machtposition zu behaupten. Hinzu kommt, dass Gerichte und Polizei zutiefst rassistisch geprägt sind.

In einer beeindruckenden Szene lässt Grisham einen früheren Anwalt schildern, wie er dazu gebracht wurde, seinen Beruf aufzugeben und ein völlig neues Leben zu beginnen. Spätestens von dem Moment an weiß Post, in welche Gefahr er sich selbst bringen könnte, wenn er nachweist, dass Quincy Millers Todesurteil falsch war. Miller selbst ist bereits in Lebensgefahr.

Ein Gerichtsgutachter fasst zusammen, was für ein Fall den Kern des Romans bildet: «Ein spektakulärer Mord, dazu der perfekte Verdächtige mitsamt Motiv, eine raffiniert inszenierte Indizienfalle. Quincy entrinnt nur mit knapper Not der Todesstrafe und muss für den Rest seines Lebens hinter Gitter.»

John Grisham ist dafür bekannt, in seinen Romanen dramatische Gerichtsverhandlungen äußerst effektvoll einzusetzen. Auch «Die Wächter» läuft auf eine solche Verhandlung als Höhepunkt hinaus. Hier zeigt sich Grisham wieder in erzählerischer Bestform. Immer wieder bieten ihm die Szenen vor Gericht Gelegenheit, Spannung aufzubauen und durch die Unübersichtlichkeit des Rechtssystems zusätzliche Risiken ins Spiel zu bringen.

Mit «Die Wächter» hat John Grisham einen herausragenden Justizthriller geschrieben, der sich mit seinen Klassikern wie «Die Jury» und «Die Kammer» messen lassen kann.

John Grisham: Die Wächter. Heyne Verlag, München, 448 Seiten, 24 Euro, ISBN 978-3-453-27221-7

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