Mehr Infos, weniger Streit
Wie die Corona-Krise die Talkshows verändert

Die Polit-Talkshows drehen sich zurzeit um ein Thema: Corona. Die Gesprächsrunden sind anders als sonst - das hat Auswirkungen.

Sonntag, 12.04.2020, 11:34 Uhr aktualisiert: 12.04.2020, 11:36 Uhr
Moderator Frank Plasberg (r) talkt mit seien Gästen auf Abstand.
Moderator Frank Plasberg (r) talkt mit seien Gästen auf Abstand. Foto: Dirk Borm

Berlin (dpa) - Montags: Corona. Mittwochs: Corona. Donnerstags: Corona. Und sonntags? Die Antwort kann man sich sparen. Zurzeit bestimmt das Coronavirus das Nachrichtengeschehen in den Medien, und auch die vier großen Polit-Talkshows im Ersten und im ZDF mit den Moderatoren Frank Plasberg, Sandra Maischberger, Maybrit Illner und Anne Will setzen seit Wochen auf dieses Thema.

Die Talks sind wegen der Kontaktbeschränkungen anders als sonst: keine Zuschauer im Studio, Gäste werden per Videoübertragung zugeschaltet. Wie verändert das alles die Gespräche?

WENIGER STREIT

Moderatorin Maybrit Illner, die donnerstags ihren Talk im ZDF präsentiert und in der Corona-Krise bereits mehrmals sonntags zum Teil überschneidend mit der Talkshow von Anne Will eine Spezialsendung anbot, sagt: «Wir informieren oft mehr, als wir streiten. Es galt zunächst mehr zu verstehen, als gleich zu urteilen. So erlebe ich das auch bei unseren Gästen: Bei jeder kritischen Frage gibt es mehr Nachdenken als Nachkarten, mehr Überlegen als Übereinander-Herfallen.»

KEIN STUDIOPUBLIKUM

Dass wegen der Kontaktbeschränkungen zurzeit kein Studiopublikum da ist, hat der Redaktion von «hart aber fair» mit Moderator Frank Plasberg zufolge viele Auswirkungen. «Da ist zum einen die Optik: Wo sonst eine bunte Mischung interessierter Menschen sitzt, sieht man jetzt eintönige leere Stühle.» Und dann der ausbleibende Applaus. «Ohne ihn fehlt den Gästen unserer Sendung ein unmittelbares Feedback auf ihre Aussagen. Jede Sendung wirkt so nachdenklicher, ruhiger. Weil nicht mehr geklatscht und gelacht wird, verlieren die Sendungen an Tempo, es entstehen Pausen, Momente der Stille. Das kann gut sein, aber eben nicht ständig.» Die Sendung ist montags im Ersten zu sehen.

Auch Maybrit Illner sagt: «Unser Publikum fehlt uns. Es soll ja gewissermaßen die Zuschauer zuhause vertreten. Jetzt ohne Publikum zu sein, das verändert die Sendung, verändert die Reaktion der Gesprächsgäste, die ganze Atmosphäre, klar.» Die Redaktion von «maischberger. die woche» mit Sandra Maischberger (mittwochs im Ersten) geht davon aus, dass die Intensität der Debatte auch ohne Publikum erhalten bleibt. Die Redaktion betont zugleich, dass Studiogäste durch Applaus und ihre Reaktionen der Sendung eine emotionale Dichte geben. Auf Studiopublikum wollen alle vier Talkshows langfristig nicht verzichten.

NACHTEIL für ZUGESCHALTETEN GAST

Ein zugeschalteter Gast in der Gesprächsrunde ist «hart aber fair» zufolge immer erst einmal gehandicapt, wenn er in die Diskussion eingreifen wolle. Einmal wegen der technischen Zeitverzögerung. «Das liegt aber auch daran, dass die anderen Gäste den Zugeschalteten in dessen Mimik und Gestik oft nicht im gleichen Maße wahrnehmen können wie die übrigen Gesprächsteilnehmer.»

Die Redaktion des Anne-Will-Talks im Ersten betont auch, dass eindeutige Gesten, wie das Handheben oder eine veränderte Körperhaltung, die normalerweise Signale seien für einen Wortmeldungswunsch, wegfielen. Für Moderatorin und auch die anderen Gesprächsteilnehmer sei es eine Herausforderung, die Zugeschalteten in die Diskussion im Studio einzubeziehen.

Beim Maischberger-Talk musste die Redaktion bislang nicht auf einen zugeschalteten Gast zurückgreifen, würde es aber tun, um nicht auf die Person zu verzichten. Auch hier sieht die Redaktion dieses Problem: «Der geschaltete Gast kann sich nicht so einfach spontan in das Gespräch einbringen und - was auch sehr wesentlich ist - er hat keine Möglichkeit, die Gesprächsatmosphäre im Studio zu spüren.»

ZU MONOTHEMATISCH?

Seit Wochen kreisen die Themen in den Polit-Talks um das Coronavirus. Die Medienwissenschaftlerin Joan Bleicher von der Universität Hamburg sagt dazu: «Die Sender wollen ihre Reichweite nicht an die Konkurrenz verlieren.» Es gelte, die eigene Kompetenz in Krisenzeiten zu betonen, um Zuschauer an den Sender zu binden. Es sei zudem senderübergreifend das Bemühen um eine kontinuierliche Aktualisierung der Thematik erkennbar.

Illner sieht kein Problem darin, dass die vier großen Polit-Talkshows alle auf das Thema Coronavirus setzen. «Ein Blick in andere TV-Formate, in die Zeitungen und die Internetportale zeigt, dass es auch da im Moment kaum ein anderes Thema gibt.» Ziel sei nicht, sich abzugrenzen, «sondern mit der Entwicklung dieser Krise Schritt zu halten! Covid-19 verändert das Leben und die Welt jeden Tag.»

Von «hart aber fair» heißt es, die aktuelle Nachrichtenlage begründe eine Ausnahmesituation. «Das wird so nicht bleiben. Aber solange das Thema Corona alle anderen Themen überschattet, solange die Situation so neu und für jeden bedrohlich ist, solange müssen alle journalistischen Sendungen darauf reagieren.» Die Redaktion wolle sich zugleich absetzen, indem sie sich auf Zuschauerfragen fokussiere.

Die Anne-Will-Redaktion hat nach eigener Darstellung nicht das Gefühl, dass es dem Thema an Kontroverse oder Vielfalt fehlt. Und individuelle Moderationsstile machten auch einen Unterschied. «Und nicht zuletzt das große Interesse der Zuschauerinnen und Zuschauer zeigt uns, dass wir mit der Themensetzung richtig liegen.»

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