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Polizeiruf 110: Heilig sollt ihr sein!

Im neunten Polizeiruf des deutsch-polnischen Teams Lenski und Raczek werden die Ermittler mit einem kaum vorstellbaren Fall konfrontiert. Schauspielerin Maria Simon ermittelt zum vorletzten Mal.

Sonntag, 03.05.2020, 00:01 Uhr aktualisiert: 03.05.2020, 05:01 Uhr
Jonas Fleischauer (Tom Gronau) bei Pater Anselm (Maciej Robakiewicz).
Jonas Fleischauer (Tom Gronau) bei Pater Anselm (Maciej Robakiewicz). Foto: Arnim Thomaß

Frankfurt (Oder)(dpa) - Nur wenige Minuten vergehen im neuen Polizeiruf 110 «Heilig sollt ihr sein!», bis man zum ersten Mal das Gefühl hat, tief durchatmen zu müssen. Die Geschichte um die ungewollte Schwangerschaft einer 16-Jährigen zieht den Zuschauer sofort mitten in den Konflikt.

Verzweifelte Eltern, die nicht in der Lage sind, ihrer Tochter zu helfen. Ein Selbstmordversuch des Mädchens und ein junger Mann, der in einem Krankenhaus Ungeheuerliches tut. In der Episode, die das Erste am Sonntag (3. Mai, 20.15 Uhr) ausstrahlt, wird der Zuschauer emotional gefordert. Gleichzeitig greift der Film ein politisch aktuelles Thema auf. Und: Das deutsch-polnische Ermittlerteam gerät in persönliche Konflikte.

Die 16-jährige Larissa (Paraschiva Dragus) erwartet ein Kind, das sie nicht bekommen will. Über den Vater schweigt sie. Ihre Eltern, Nikola (Julia Krynke) und Simon Böhler (Shenja Lacher), die im polnischen Slubice an der Grenze zu Brandenburg wohnen, sind mit der Situation überfordert und wissen nicht, wie sie ihrer Tochter helfen sollen.

Die Ärzte haben Trisomie 18 bei dem Ungeborenen diagnostiziert. Das bedeutet: Das Kind kommt mit Behinderungen auf die Welt - eine kaum zu ertragende emotionale Belastung für die junge Frau. Einen Abbruch wollen die polnischen Ärzte nicht vornehmen. Medien greifen das brisante Thema schnell auf und schreiben von «Handlangern des Teufels». Abtreibungsgegner beherrschen die öffentliche Meinung. Polen hat eines der strengsten Abtreibungsgesetze in Europa. Larissa sieht keinen Ausweg mehr und entscheidet, sich das Leben zu nehmen.

Dann taucht Jonas Fleischauer (Tom Gronau), ein fremder junger Mann, scheinbar zufällig auf. Er nennt sich selbst Elias, er redet auf Larissa ein und kann die Verzweiflungstat im letzten Augenblick verhindern. Jonas versucht die junge Frau zu überzeugen, das Kind zu bekommen - die 16-Jährige entscheidet sich dagegen. In einem Krankenhaus in Frankfurt (Oder) soll der Spätabbruch der Schwangerschaft vorgenommen werden.

Jonas kann sich zu Larissa in den Operationsraum schleichen: Er fühlt sich dazu berufen, das Leben des ungeborenen Kindes zu retten und entschließt sich zu etwas Unfassbarem. Gronau («Deutschstunde») spielt überzeugend einen religiös-fanatischen jungen Mann.

Als die Kommissare Olga Lenski (Maria Simon) und Adam Raczek (Lucas Gregorowicz) eintreffen, schwebt die junge Frau in Lebensgefahr. Das Kind ist gesund. Auch der behandelnde Arzt hat keine medizinische Erklärung dafür. Wie kann das möglich sein? Und wer ist dieser Jonas, der sich den Namen eines Heiligen gibt?

Die Kommissare Lenski und Raczek kommen in dieser Episode emotional an ihre Grenzen. Olga, die ihrem oft aufbrausend reagierenden, rastlosen Kollegen meist Routine und Sachlichkeit entgegensetzt, kann ihr Entsetzen über die Tat kaum verbergen. Als Ermittlerin wirkt sie oftmals distanziert und nüchtern, in dieser Geschichte kommt sie den Betroffenen ganz nah.

«Ich bin als Ostkind relativ unbefleckt, habe kein religiöses Konstrukt, was ich brechen muss, um meine eigene geistige Anbindung zu finden und stehe dem eigentlich ganz neutral gegenüber», beschreibt Simon im dpa-Interview ihren Umgang mit dem Thema Glaube.

Kommissar Raczek wird bei den Ermittlungen privat hart geprüft: Katholisch aufgewachsen zwischen Schuld und Sühne holt ihn die Vergangenheit ein, als seine Mutter Agnieszka - bewegend gespielt von Małgorzata Zajączkowska - nach Jahren vor der Tür steht. Die tief gläubige Katholikin eröffnet ihm, dass sie schwer krank ist. Als Abtreibungsgegnerin und ihrem Schicksal ergeben setzt sie Adam doppelt zu.

«Ich habe mich noch nie so zuhause gefühlt, wie in dieser Folge», sagt Lucas Gregorowicz der dpa. Bis er zehn Jahre alt war, lebte der Schauspieler in Polen, fühlte sich geborgen zwischen den kirchlichen Ritualen und dem katholischen Pomp, wie er erzählt. «Es gab gewisse Muster von Bewusstsein, von Schuld und es hat lange gedauert, bis ich das sortieren konnte.»

In einem weiteren Polizeiruf werden die beiden Kommissare noch gemeinsam ermitteln, dann verlässt Maria Simon das Team. Der Abschied falle ihr «überhaupt nicht leicht», sagt sie. Doch die Entscheidung habe sich lange bei ihr geformt. «Ich möchte meine Gabe in einen anderen Dienst stellen. Menschen brauchen Werkzeuge, wie wir das schaffen, wieder zu uns zu finden, Dinge zu überwinden, auszuhalten. Da will ich mich gern dran beteiligen», beschreibt die Schauspielerin - verrät darüber hinaus aber nicht mehr. «Da ist nichts, das Blatt ist ungeschrieben», versichert sie. Sie habe nur bestimmte Träume, Visionen und Wünsche. «Inwieweit die gehört werden, inwieweit sie sich verwirklichen lassen...kein Plan.»

Ihr Weggehen kann sich Kollege Lucas Gregorowicz noch nicht vorstellen, wie er zugibt. Er verdränge das bislang. Man habe sich in der Arbeit gut ergänzt. Über seine von ihm geschätzte Kollegin sagt er: «Maria hat eine Entscheidung getroffen, die sehr mutig ist».

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