Historischer Politthriller
Kerr: «Trojanische Pferde» und Nazi-Kriegsverbrecher

Mit seiner Romanserie um den Berliner Polizisten Bernie Gunther hat Philip Kerr Episoden aus der deutschen Geschichte von den 30er bis in die 50er Jahre in spannenden Thrillern erzählt. «Trojanische Pferde» rundet die Reihe nun ab.

Dienstag, 26.05.2020, 12:21 Uhr aktualisiert: 26.05.2020, 12:24 Uhr
«Trojanische Pferde» ist der letzte Thriller um den Berliner Polizisten Bernie Gunther.
«Trojanische Pferde» ist der letzte Thriller um den Berliner Polizisten Bernie Gunther. Foto: -

Berlin (dpa) - Kriminalpolizist im Berlin der 30er Jahre, Sonderermittler im Auftrag von Nazi-Größen, Geheimagent mit internationalen Kontakten, Nachtportier im Hotel auf der Flucht vor der Justiz - Bernie Gunther hat schon viele Rollen gespielt in der Roman-Serie des Briten Philip Kerr.

In «Trojanische Pferde», dem 13. Band der Reihe, hat Gunther es ins Jahr 1957 geschafft. Er lebt unter falschem Namen in München und bleibt nahezu unsichtbar. Nur nachts verlässt er seine kleine Wohnung, um in einem Krankenhaus zu arbeiten.

Und doch passiert eines Tages das, wovor Gunther sich immer gefürchtet hat: Ein ehemaliger Kollege aus dem Berliner Polizeipräsidium erkennt ihn. Wie Gunther erwartet hat, versucht der Mann, ihn zu erpressen. Allerdings nicht um Geld, sondern um ihn zum Komplizen in einem komplizierten Überfall zu machen. Das Komplott, in dem alte Nazis, eine neue Partei und die Stasi eine Rolle spielen, nimmt einen gänzlich anderen Verlauf als gedacht, und auf einmal findet sich Gunther als Versicherungsangestellter wieder.

Als Schadensermittler kann er sich auf die kriminalistischen Fähigkeiten stützen, die ihm seit Beginn seiner Karriere rund 30 Jahre zuvor gute Dienste erwiesen hatten. Dies wird besonders wichtig, als der talentierte Versicherungsangestellte nach Athen geschickt wird, um einen rätselhaften Schiffsuntergang zu untersuchen.

Aber so einfach kann es in einem Roman von Philip Kerr nicht zugehen. Erst ist der Kapitän des untergegangenen Schiffes verschwunden. Dann taucht er auf und wird kurz darauf ermordet. Bernie Gunther gerät unter Mordverdacht, aber er bekommt die Gelegenheit, seine Unschuld zu beweisen und den wahren Täter zu finden.

Schnell wird klar, dass die Hintergründe des Falls in der deutschen Besetzung Griechenlands während des Zweiten Weltkriegs liegen. Der Diebstahl des Goldes der Juden von Saloniki 1943 wirkt immer noch nach. Einige der beteiligten Kriegsverbrecher, die auf internationalen Fahndungslisten stehen, sind offenbar noch sehr aktiv. Ganz besonders ein Mann rückt in den Mittelpunkt von Gunthers Interesse: Alois Brunner, ein enger Mitarbeiter des berüchtigten Adolf Eichmann und einer der schlimmsten Kriegsverbrecher Nazi-Deutschlands, der auch in Griechenland sein Unwesen trieb.

Philip Kerr schickt Bernie Gunther auf eine abenteuerliche Spurensuche. Dabei begegnen dem vermeintlichen Versicherungsangestellten alte Bekannte aus der Nazi-Zeit, eine aufregende junge Frau, eine bedrohliche Geheimagentin und einige andere bemerkenswerte Charaktere. Und immer fragt sich der mittlerweile alt gewordene Gunther, ob die Vergangenheit ihn je loslassen wird, wenn er nur das Richtige tut.

Das Jahr 1957 ist dabei ein sehr bewusst gewählter Zeitpunkt für die Handlung. Zu Beginn des Romans sind gerade die Römischen Verträge unterzeichnet worden, die den Beginn des Weges zur Europäischen Union unter Einbeziehung der Bundesrepublik bedeuteten. Dabei deutet Kerr in mehreren Passagen des Romans an, dass auch in der Bonner Republik die Vergangenheit noch längst nicht überwunden war.

Am Ende von «Trojanische Pferde» wünscht sich Bernie Gunther «einen Platz, wo ein rastloser Geist wie der meine sich wieder lebendig und real fühlen und den Traum von wahrer Wiedergutmachung träumen konnte». Ob Gunther diesen Ort je fand, werden wir nie erfahren, denn Philip Kerr starb im Jahr 2018, kurz bevor «Trojanische Pferde» im englischen Original veröffentlicht wurde. Ein weiterer Roman um Bernie Gunther, «Metropolis», erschien 2019. Aber der noch nicht ins Deutsche übersetzte Roman spielt in der Weimarer Republik, ganz am Anfang von Gunthers Karriere.

«Trojanische Pferde» ist ein angemessener Abschluss von Bernie Gunthers Entwicklung. Der Polizist, der den Nazis half, aber selbst nie einer war, ist einen langen Weg gegangen, der nun einen glaubwürdigen und angemessenen Endpunkt gefunden hat. Auch wer keinen der anderen Romane aus der Reihe kennt, wird in «Trojanische Pferde» einen spannenden Agenten- und Politthriller mit gut recherchierten historischen Hintergründen finden.

- Philip Kerr: Trojanische Pferde. Wunderlich Verlag, Hamburg, 490 Seiten, 24,00 Euro, ISBN 978-3-8052-0046-2.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7423907?categorypath=%2F2%2F2669082%2F2670173%2F2686136%2F2686170%2F
Nachrichten-Ticker