Traumhaft
«Sophisticated Pop»: Tim Burgess und Gary Olson

Angenehm aus der Zeit gefallen - so klingen die Soloalben von Tim Burgess (The Charlatans) und Gary Olson (The Ladybug Transistor). Zwei verlockende Einladungen mit traumhaftem Pop.

Freitag, 05.06.2020, 10:03 Uhr aktualisiert: 05.06.2020, 10:06 Uhr
Tim Burgess ist ein profunder Kenner der Popgeschichte.
Tim Burgess ist ein profunder Kenner der Popgeschichte. Foto: PIAS

Berlin (dpa) - Die Zeiten sind seltsam, für viele auch beängstigend. Da ist es nur legitim, Musik als Fluchtweg zu nutzen. Die neuen Alben von Tim Burgess und Gary Olson bieten «Sophisticated Pop» und Eskapismus vom Feinsten.

Streifzug durch vier Pop-Dekaden: «I Love The New Sky»

Er gehört zu den großen Sympathen der britischen Popmusik, dieser TIM BURGESS. Wegen seines breiten Lachens, der immer irgendwie naiv staunenden Augen, einer unfassbar uncoolen Wischmopp- oder Pilzkopf-Frisur. Und auch musikalisch ist der Sänger der Ravepop-Band The Charlatans stets eine mindestens angenehme Erscheinung.

Das zeigte sich kürzlich während der Corona-Pandemie, als Burgess mit seinen «Twitter Listening Parties» Lieblingsalben zur Diskussion stellte - und so anderen Musikern und Popfans ein hochwillkommenes Forum für Erinnerungen oder Schwärmereien bot. Dabei gab der 53-Jährige von sich selbst viel preis und beeindruckte mit bodenständiger Warmherzigkeit.

«Die Leute machen sich ein Getränk auf, holen sich ein paar Snacks und hören einfach zu. Sie entdecken Musik im Albumformat neu, davon bin ich ein großer Fan», sagt Burgess. «Tim's Twitter Listening Parties» entwickelten sich zum Internet-Hit in Krisenzeiten. Sein «favourite song of all time» sei übrigens «Appetite» von Prefab Sprout, verriet Burgess - eine ziemlich interessante (und sehr gute) Wahl.

Dass dieser begeisterungsfähige Musiker und Musikfan ein profunder Kenner der Popgeschichte ist, beweist er nun auch wieder mit «I Love The New Sky», seinem beim Label Bella Union erschienenen Soloalbum. «Unabashedly uplifting», also unverfroren aufmunternd, nannte «Oberserver»/«Guardian»-Popkritikerin Emily Mackay diese Songsammlung, die von den 60ern bis zu den 90ern vier Musikdekaden streift und viele Inspirationsquellen offenbart.

Scott Walker und Harry Nilsson, The Cure und The Zombies, David Bowie und Burt Bacharach, besagte Prefab Sprout und Blur: Man könnte aber sicher noch zwei Handvoll weitere Verweise finden, für die sich Burgess nicht schämen müsste. Er schüttelt jede Menge starke Melodien aus dem Ärmel, garniert sie mit luftigen Arrangements und legt seine leicht nasale Stimme drüber - fertig sind zwölf neue Pop-Perlen aus der Feder eines feinen Musikers und netten Zeitgenossen.

Vom 80er-Pop nur das Beste: Gary Olsons Solo-Debüt

(Noch) weniger bekannt, aber nicht weniger kenntnisreich in der Pop-Historie unterwegs ist der bisherige Frontmann der US-Band The Ladybug Transistor, GARY OLSON. Seit deren wunderbarer Abschiedsplatte «Clutching Stems» von 2011 war es ruhig um den Sänger, Songschreiber und Trompeter. Aber zum Glück endet dieses Schweigen nun mit einem selbstbetitelten Soloalbum (Tapete Records), das alle Hoffnungen von Olson-Fans erfüllt.

Der Opener «Navy Boots» gehört mit seiner zwischen Euphorie und milder Schwermut schwebenden Stimmung schon jetzt zu den schönsten Songs des Jahres - ein prachtvolles Kleinod, das auf jedes Großwerk der erwähnten Prefab Sprout gepasst hätte. Auch mit «Giovanna Please» trifft Olson perfekt den Kompositionsstil und Tonfall von Paddy McAloon, der Galionsfigur des britischen «Sophisticated Pop» der 80er Jahre.

Die beiden Lieder sind zweifellos Höhepunkte einer von norwegischen und amerikanischen Musikern produzierten Platte. Mit Folkpop im Stil von Lloyd Cole («Some Advice»), Aztec Camera («The Old Twin»), The Go-Betweens («Postcard From Lisbon»), Belle & Sebastian («All Points North») oder The Clientele («Tourists Taking Photographs») geht es ähnlich inspiriert weiter.

Oft wehen schlanke Streichersätze von Joe McGinty und Olsons Trompetenklänge durch diese federleichten Lieder. Die weiche, verträumte Stimme des Amerikaners tut ein Übriges, um eine besorgniserregende Gegenwart höchst effektiv auszublenden. Klar, «Gary Olson» ist Eskapismus pur. Doch solange ein Musiker so stilvoll mit Versatzstücken von 80er-Pop-Preziosen jongliert und dabei seine ganz eigenen Killer-Melodien findet, ist daran nichts zu mäkeln.

© dpa-infocom, dpa:200601-99-264968/4

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