TV-Tipp
Die Erdzerstörer

Wenn die Erdgeschichte ein 24-Stunden-Tag ist, ist der Mensch erst in den letzten Sekunden zu sehen. Doch hat er in der Umwelt große Spuren hinterlassen. Eine Arte-Doku erklärt detailreich: warum eigentlich?

Dienstag, 09.06.2020, 00:01 Uhr aktualisiert: 09.06.2020, 05:03 Uhr
Szene aus der Dokumentation «Die Erdzerstörer» über den Zusammenhang von Industrialisierung und Umweltschäden.
Szene aus der Dokumentation «Die Erdzerstörer» über den Zusammenhang von Industrialisierung und Umweltschäden. Foto: Jean-Robert Viallet

Berlin (dpa) - So seltsam es klingen mag: Die heute als Klimakiller verpönte Kohle galt noch vor 200 Jahren als eine Errungenschaft zum Schutz der Umwelt und zum Erhalt der Natur. Ende des 18. Jahrhunderts kletterten in ganz Westeuropa die Preis für Holz. Denn die Wälder waren kahlgeschlagen, sie lagen schon im Sterben. Die Menschen hatten mit all den Bäumen geheizt, gekocht, Maschinen angetrieben.

Erosion, Überschwemmungen und Klimawandel waren daher schon um 1800 ein Thema unter Forschern. «Der Steinkohleabbau erscheint wie eine Patentlösung, eine angesichts des Waldsterbens ökologische Lösung», schildert die Arte-Doku «Die Erdzerstörer» am Dienstag (23.20 Uhr). «Der Boden wird die Menschen unbegrenzt mit Brennstoffen versorgen, die Betriebe werden auf vollen Touren laufen und die Wälder werden sich erholen können», hofften Firmenbosse und auch Wissenschaftler.

Pustekuchen. Heute haben viele Industrienationen den Ausstieg aus fossilen Energien auf der Agenda und die Wälder leiden unter der Erderwärmung. 1400 Milliarden Tonnen Kohlendioxid treiben als Ergebnis der Industrialisierung in der Atmosphäre, wie Regisseur Jean-Robert Viallet berichtet. Diese ungeheuer große Zahl ist umso bemerkenswerter, wenn man sie in Relation zur Zeit setzt: «Wenn die Erdgeschichte ein 24-Stunden-Tag ist, erscheint der Mensch erst in letzten 5 Sekunden. Und das Zeitalter des Anthropozän, das industrielle Zeitalter also, macht nur die letzten beiden Tausendstel Sekunden aus», rechnet Viallet. Ein Wimpernschlag in der Ewigkeit.

Es ist ein anstrengender Film, nicht nur wegen der im gefühlten Sekundentakt wechselnden Bilderflut aus Filmarchiven. Dennoch ist «Die Erdzerstörer» sehenswert. Es ist ein Parforceritt durch 200 Jahre einer angespannten Wechselbeziehung zwischen Mensch und Umwelt.

Viallet zeichnet nach, wie Politik und Wirtschaft Einfluss nahmen. Er zeigt auch verpasste Chancen: So hatten die USA im Zweiten Weltkrieg ein ambitioniertes Programm für Häuser mit Solarenergie auf den Weg gebracht, um mehr Erdöl an der Front einsetzen zu können. In Friedenszeiten machte die Lobby der Elektroindustrie der Sonnennutzung schnell den Garaus, indem sie sich mit Bauträgern abstimmte, dass automatisch Stromanschlüsse gelegt wurden. Doch ganz davon ab: Löst nicht auch die Solarenergie neue Umweltprobleme aus?

Die Schlussfolgerung der Doku ist wenig euphorisch. «Das Heilsversprechen für den Planeten durch die sogenannten grünen Technologien und durch die Digitalisierung erinnert immer stärker an das Versprechen zu Beginn des 19. Jahrhunderts: Damals sollten Klima und Natur durch die Kohle gerettet werden.» Viallets Appell: Der Mensch muss sich daran machen, die Erde vor sich selbst zu retten.

© dpa-infocom, dpa:200605-99-324962/3

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