TV-Tipp
Die Sauberfrauen - Putzen ist ihr Leben

Steffi schwingt im Klo die Gitarre, für Iris gehören blutbespritzte Wände zum Alltag, Isa putzt nach der Arbeit wie ein Weltmeister. Die Reihe «37 Grad» stellt das Leben von drei «Sauberfrauen» vor.

Dienstag, 30.06.2020, 00:01 Uhr aktualisiert: 30.06.2020, 05:01 Uhr
Isa hat ihren Putzfimmel zum Beruf gemacht.
Isa hat ihren Putzfimmel zum Beruf gemacht. Foto: Tina Radke-Gerlach

Berlin (dpa) - Es ist zehn Uhr morgens, wenn Steffi den Toilettenflur des Kaufhauses zu einem schöneren Ort macht. Sie stellt einen Hocker auf, dann wird er mit bunter Zierdecke und einem Kunstblumenstrauß verschönert. Daneben stellt sie die kleine weiße Schale für Münzen.

Steffi, die singende Klofrau von Hamburg hat für jeden Kunden einen charmanten Spruch auf den Lippen. «Nur herein, junge Frau, immer ran an die Buletten, äh, in die Toiletten.» Oder: «Hat alles geklappt, junger Mann?» Oder nicht ganz uneigennützig: «Immer viel Trinken nicht vergessen.» Die ZDF-Reportage «Die Sauberfrauen - Putzen ist ihr Leben» (30. Juni, 22.15 Uhr) begleitet Menschen durch den Alltag, dank derer Deutschland vielerorts so aufgeräumt und propper ist.

Steffi singt - für russische Gäste auch mal auf Russisch - und spielt Gitarre. An der Wand ein Plakat von Joan Baez. «Ich unterhalte mich gern mit den Kunden. Als Toilettenfrau bist Du ja auch ein bisschen abgeschottet.» Früher war die charmante 48-Jährige Verkäuferin, bis eines Tages ihre Stelle gestrichen wurde. Anfangs kam sie nicht klar damit, dass Menschen immer stumm aufs öffentliche Klo gehen, bis sie anfing, selbst das Eis zu brechen. Der Job als Toilettenfrau hält die geschiedene Steffi gerade so über Wasser. Ihr Einkommen ist einzig das Trinkgeld. 40 bis 50 Euro landen an einem Samstag auf dem Teller.

Für zehn Stunden Arbeit. Doch wirkt Steffi nicht frustriert, sondern fröhlich, mit sich selbst im Reinen. Anfangs waren Leute herablassend zu ihr. Es änderte sich, als Steffi begann, ihnen anders zu begegnen.

Isa hatte mal andere Pläne. Sie hat in Polen das Abitur gemacht. «Ursprünglich wollte ich Anwältin werden. Hat leider nicht geklappt. Die Eltern hatten nicht genug Geld - Traum geplatzt. Bin in Deutschland gelandet.» Sie ist dabei, eine 300-Quadratmeter-Wohnung zu putzen, drei Stunden Zeit hat sie dafür. In der Woche hat sie zehn verschiedene Kunden. «Manche besuche ich täglich, manche einmal die Woche.» Sie lacht bei dem Geständnis: «Ich hab meinen Putzfimmel zum Beruf gemacht. Im Moment kann ich mir nichts Besseres vorstellen.» Wenn sie abends frei hat, wienert sie akribisch ihre eigene Wohnung.

Iris ist eine auffällige Erscheinung, nicht zuletzt durch ihre Sidecut-Frisur: «Ich putze bei psychisch kranken Menschen. Und dann bin ich auch Tatortreinigerin. Das ist da halt, wo Menschen gestorben sind.» Auch Iris ist Quereinsteigerin, 15 Jahre hat sie als Brillenoptikschleiferin gearbeitet. Heute hat ihre Putzfirma fünf Mitarbeiter. Extra lange Handschuhe, Geruchsvernichter - alles liegt im Lager bereit. Die 45-Jährige ist Extremes gewohnt: Blutflecken mit Wasser zu entfernen, damit gehe die Arbeit oft vor Ort los, sagt sie.

Drei Frauen aus derselben Branche, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Was der anrührende Film von Tina Radke-Gerlach aber klar herausarbeitet: Es lohnt zu entdecken, was für interessante Menschen es oft sind, denen häufig nur beim stillen Putzen zugesehen wird.

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