Kriminalroman
Ein komplexer Fall für die «Morduntersuchungskommission»

Jena 1985. Ein junger Mann wird tot aufgefunden, und die Umstände seines Todes sind unklar. Die Morduntersuchungskommission im neuen Krimi von Max Annas hat eine schwierige Aufgabe vor sich, denn am Rande der DDR-Gesellschaft finden sich verwirrende Spuren.

Dienstag, 04.08.2020, 14:23 Uhr aktualisiert: 04.08.2020, 14:40 Uhr
«Morduntersuchungskommission: Der Fall Melchior Nikoleit» von Max Annas.
«Morduntersuchungskommission: Der Fall Melchior Nikoleit» von Max Annas. Foto: dpa

Berlin (dpa) - Melchior Nikoleit spielt in einer Punkband in Jena. Das ist seine Möglichkeit, seine Abneigung gegen das Leben in der DDR auszudrücken.

Aber im Jahr 1985, in dem Max Annas den zweiten Krimi über die Morduntersuchungskommission im Raum Gera spielen lässt, gibt es keine wirkliche Alternative zu Melchiors bedrückenden Lebensumständen. Allenfalls die Band, in der er mit seinen Freunden spielt, und seine Freundin Julia verbessern seine Lebensqualität.

Aber dann ist Melchior auf einmal tot. Seine Leiche liegt in einer Lagerhalle, die sein Vater genutzt hat. Der Vater, ein Möbelhändler, der auch geschäftliche Beziehungen in die Bundesrepublik hat, ist als gewalttätig bekannt, gerade auch seinem Sohn gegenüber. Also scheint es ein einfacher Fall für die Morduntersuchungskommission zu werden. Aber so einfach ist es nicht, denn der Vater hat ein Alibi

Fünf Männer arbeiten in der Ermittlergruppe. Der Roman konzentriert sich, wie schon der erste Band, auf Otto Castorp. Auch der ist nicht glücklich mit seinem Leben. Seine Ehe ist in einer schweren Krise, sein Bruder lässt ihn immer wieder spüren, dass er als Stasi-Offizier besser informiert ist, und Castorp fällt es immer schwerer, sich mit der Arbeitsauffassung seiner Kollegen zu arrangieren.

Castorp bringt seine Kollegen mit seiner Beharrlichkeit tatsächlich dazu, auch einmal andere Spuren zu verfolgen als jene, die politisch geboten scheinen. «Eine Morduntersuchung war schließlich nichts, das in irgendeiner Form mit Politik zu tun hatte», meint er, ohne es auszusprechen. Aber Castorp muss hinnehmen, dass ihm bei seinen Ermittlungen Grenzen gesetzt sind: «Was du gerade angedeutet hast, also beinah sogar vorgeschlagen, ist etwas, das politisch vollkommen außerhalb alles Denkbaren liegt.»

Die Polizisten tasten sich langsam voran und kreisen lange Zeit eher um die Wahrheit, als dass sie sich ihr nähern. Dennoch gelingt es Max Annas, eine spannende Geschichte zu erzählen. Zusätzlich zur Arbeit der Morduntersuchungskommission stellt der Roman Erinnerungen und Überlegungen zweier Menschen dar, die zu Melchiors Umfeld gehörten. Seine Freundin Julia kannte ihn und seine Geheimnisse besser als sonst irgendjemand. Aber eine Zusammenarbeit mit der Polizei ist für sie undenkbar. Auch der Vater eines von Melchiors Kumpeln liefert interessante Aspekte, obwohl er in erster Linie versucht, ein dunkles Geheimnis zu bewahren.

Max Annas, Jahrgang 1963, wuchs in Westdeutschland auf, hat sich aber nach Angaben des Rowohlt Verlags in den letzten Jahren der DDR während vieler Besuche dort umgesehen und Freundschaften geschlossen. Im Juli 1989 wurde ihm die Einreise schließlich verwehrt, wie es heißt.

Von einem misslungenen Auftritt der Punkband bis hin zu einem dramatischen Showdown auf einer Landstraße zeichnet der Roman ein vielschichtiges Bild vom Leben in der DDR Mitte der 80er Jahre. Die Krimihandlung wird dabei zum Bindeglied zwischen den verschiedenen Teilen. Und wer für den Tod von Melchior Nikoleit verantwortlich ist, wird erst ganz zum Schluss klar.

- Max Annas: Morduntersuchungskommission: Der Fall Melchior Nikoleit. Rowohlt Verlag, Hamburg, 334 Seiten, 20,00 Euro, ISBN 978-3-498-00133-9.

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