150 Jahre «Masochismus»
Die Geschichte der «Venus im Pelz»

Vor 150 Jahren erschien ein Buch, auf dem der weltbekannte Begriff «Masochismus» beruht. Eine Spurensuche von Wien bis Marbach.

Donnerstag, 06.08.2020, 09:39 Uhr aktualisiert: 06.08.2020, 09:43 Uhr
Vor 150 Jahren erschien mit «Venus im Pelz» des damals populären Autors Leopold von Sacher-Masoch (1836-1895) ein Buch, auf dem der weltbekannte Begriff «Masochismus» beruht.
Vor 150 Jahren erschien mit «Venus im Pelz» des damals populären Autors Leopold von Sacher-Masoch (1836-1895) ein Buch, auf dem der weltbekannte Begriff «Masochismus» beruht. Foto: Boris Roessler

Wien/Marbach (dpa) - Diesen Sommer wird der Masochismus 150 Jahre alt. Genau genommen wurde vor 150 Jahren erstmal nur die Novelle «Venus im Pelz» des damals populären Autoren Leopold von Sacher-Masoch (1836-1895) veröffentlicht.

Darin geht es um die Lust, sich erniedrigen zu lassen. Im Laufe des Sommers 1870 erfuhr das Werk, auf das sich später der weltberühmte Begriff «Masochismus» bezog, seine Verbreitung im deutschsprachigen Raum. Es waren die Wochen, in denen auch der Deutsch-Französische Krieg begann.

«Die Erzählung «Venus im Pelz» erschien zuerst im zwei Bände umfassenden ersten Teil des Novellenzyklus «Das Vermächtnis Kains» im Verlag der J.G. Cotta'schen Buchhandlung», heißt es beim Deutschen Literaturarchiv in Marbach am Neckar. «Die beiden Bände lagen wohl gegen Ende Mai 1870 vor; am 1. Juni übersandte der Verlag dem Autor zehn Freiexemplare der beiden Bände. Am 19. Juni 1870 schickte Sacher-Masoch ein Rezensionsexemplar der beiden Bände an einen Redakteur der «Neuen Freien Presse», der führenden Wiener Zeitung.»

Dass der in Lemberg - damals Österreich, heute Lwiw in der Ukraine - geborene Schriftsteller Sacher-Masoch zum Namensgeber einer sexuellen Obsession wurde, liegt jedoch nicht an ihm selbst. Das besorgte ein in Mannheim geborener Psychiater mit einer Karriere in Graz und Wien.

Es war Richard von Krafft-Ebing (1840-1902), der vor allem in Bezug auf die «Venus im Pelz» das Wort «Masochismus» 1886 in seinem Werk «Psychopathia sexualis» einführte - und zwar als (Originalwortlaut) «Verbindung erduldeter Grausamkeit und Gewaltthätigkeit mit Wollust».

In einer Fußnote schrieb er, er nenne dies so in «Anerkennung der Thatsache, dass dessen Romane und Novellen die ersten Darstellungen dieser Perversion enthalten, den Verfasser zu Forschungen auf ihrem Gebiet anregten und analog der wissenschaftlichen Wortbildung Daltonismus (nach Dalton, dem Entdecker der Farbenblindheit).»

Im Gegenzug nannte Krafft-Ebing die Lust am Demütigen «Sadismus», abgeleitet vom Marquis de Sade. Bis heute sind beide Wörter geläufig, auch in anderen Sprachen als dem Deutschen. Sadomaso-Praktiken gelten spätestens seit Bestsellern wie «Fifty Shades of Grey» als gesellschaftlich weitgehend akzeptiert.

Von Sacher-Masoch nahm die Berühmtheit im «perversen» Zusammenhang jedoch damals ganz und gar nicht als Ehre wahr, wurde er doch nun oft mit dem französischen Adeligen Donatien Alphonse François de Sade (1740-1814) in einem Atemzug genannt, der seine gewaltpornografischen Schriften in Haft oder sogenannten Irrenanstalten verfasst hatte.

In der Rahmenhandlung seiner «Venus im Pelz» erzählt ein Freund dem jungen Adeligen Severin von Kusiemski einen Traum. Darin erschien ihm eine schöne Frau im Pelz mit eigenwilligen Ansichten über die Liebe jenseits üblicher Ehedisziplin. Daraufhin bekennt Severin mit Hilfe seines Tagebuchs, eine solche Frau im wahren Leben kennengelernt zu haben, eine sogenannte Venus im Pelz namens Wanda, der er sich gern unterwarf. Er ließ sich von ihr zum Lustgewinn demütigen und auspeitschen. Es sei befriedigend gewesen, Wanda zu diesem Verhalten zu erziehen, also zu einer (kontrollierten) Willkür ihm gegenüber.

Nicht nur in Sachen Lust am Schmerz war das späte 19. Jahrhundert eine Zeit der Enttabuisierung, in der vieles vorher Unaussprechliche in Begriffe gegossen wurde. Krafft-Ebing erfand nicht nur den Masochismus, sondern verbreitete zum Beispiel auch die Wortneubildung «Homosexualität» - aus homos («gleich» im Griechischen) und sexus («Geschlecht» im Lateinischen). Sie geht eigentlich auf den Autoren Karl Maria Kertbeny (1824-1882) zurück. Zeitgleich entstand auch die «Heterosexualität» (von heteros, «der andere» im Griechischen).

Auch wenn der Masochsimus als eine «Perversion» ins Leben gerufen wurde, hat er heute als sogenannte sexuelle Störung ausgedient. Die neue «Internationale Klassifikation der Krankheiten» der Weltgesundheitsorganisation WHO hat ihn gestrichen. Der neue Katalog ICD-11, der Anfang 2022 in Kraft tritt, lässt reine Sexualpräferenzen und Diagnosen wie Sadomasochismus wegfallen und rückt den Fokus vielmehr auf «Paraphilic Disorders», Formen sexueller Erregung, die eigengefährdend und vor allem nicht-einvernehmlich sind.

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