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Der Trafikant

Nach dem Bestseller von Robert Seethaler: «Der Trafikant» zeigt Wien 1937 vor dem Hintergrund der aufsteigenden Naziherrschaft. Der junge Held bekommt Lebensratschläge von Sigmund Freud höchstpersönlich.

Dienstag, 11.08.2020, 00:01 Uhr aktualisiert: 11.08.2020, 05:06 Uhr
Tanz auf dem Vulkan: Franz Huchel (Simon Morze, l) schätzt den Rat von Freud (Bruno Ganz).
Tanz auf dem Vulkan: Franz Huchel (Simon Morze, l) schätzt den Rat von Freud (Bruno Ganz). Foto: Petro Domenigg

Berlin (dpa) - Wien 1937. Der 17-Jährige Franz kommt frisch vom Dorf und soll in einem Laden für Zeitungen und Zigaretten arbeiten, einer sogenannten Trafik. In der Stadt brodelt es, der Nationalsozialismus gewinnt an Boden.

Einer der Stammkunden des Kiosks ist Sigmund Freud, der für Franz zu einem väterlichen Freund wird. Das Erste zeigt in seinem SommerKino am Dienstag um 22.45 Uhr das Drama «Der Trafikant».

Der Film basiert auf dem gleichnamigen Bestseller von Robert Seethaler. Im Mittelpunkt steht die Geschichte Franz Huchels, sein Erwachsenwerden und die erste Liebe. Es geht um Freundschaft und darum, wie Franz sich auch in politisch furchtbaren Zeiten treu bleibt. Der Film punktet mit tollen Schauspielern sowie trotz des ernsten Hintergrunds mit Humor und Leichtigkeit.

Inhaber des Kiosks ist der Trafikant Otto (Johannes Krisch), der im Ersten Weltkrieg ein Bein verloren hat und mit seinem Geschäft seinen Lebensunterhalt verdienen muss. Der Eckladen ist eine Welt im Kleinen, Menschen aus allen Schichten kommen herein: Vom Kommunisten in Lederjacke bis zum Bürger im Anzug, von der Frau Doktor bis zum Herrn Professor. Bruno Ganz gibt einen altersmilden und skeptischen Sigmund Freud, den seine Patienten langweilen und den nichts mehr erschüttern kann. Franz ist fasziniert, er will alle Werke des Psychologen studieren, der entgegnet entsetzt: «Um Himmels Willen, hast du nichts Besseres zu tun?» Den Begriff Libido erklärt der alte Mann so: Hat ihren «Sitz in der Hose». Der junge Mann fragt: «Auch bei Ihnen»?. Die Antwort: «Meine Libido ist längst überwunden».

Als Franz sich in Anezka verliebt, mit ihr seinen ersten Sex, aber auch reichlich Liebeskummer erlebt, hofft er vergeblich auf Rat vom Professor. Der sagt bloß weise: «Von der Liebe versteht niemand irgend etwas.» Der 17-Jährige, überzeugend gespielt von Simon Morzé, mag jung, unbedarft und naiv sein, aber er ist auch menschlich, neugierig und hartnäckig: Er kämpft um Anezka und hält zu seinem Chef Otto, den die Nazis verhaften. Immer wieder wird der realistisch erzählte Film von Vorstellungen und Traumbildern unterbrochen, die die Gedanken von Franz wiedergeben. Die politischen Hintergründe der 1930er Jahre thematisiert Regisseur Nikolaus Leytner eher unterschwellig, trotzdem werden sie sehr deutlich.

Die braune Ideologie sickert ein und breitet sich aus. So bittet ein Kellner den Professor, im Café hinter einem Wandschirm Platz zu nehmen; das Kabarett verspottet nicht länger den Führer, sondern reißt Witze über Juden. 1938 verkündet Hitler den «Anschluss», Österreich ist Teil des Nazi-Regimes. Überall sind Flaggen mit Hakenkreuzen zu sehen, auf den Tabakladen wird ein Anschlag verübt. Die Mutter schreibt ihrem Sohn, dass auch im vermeintlich idyllischen Heimatdorf auf einmal alle Nazis sein wollten.

Franz führt unbeirrt die Trafik und schreibt weiter seine Träume auf. Als die Nazis Franz das «Ableben» Ottos mitteilen und ihm ein Paket mit dessen Sachen schicken, trifft sich der 17-Jährige ein letztes Mal mit Freud, der ins Exil nach London flieht. Auch Franz will ein Zeichen setzen und fasst einen folgenschweren Entschluss.

© dpa-infocom, dpa:200807-99-83385/3

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