Thriller
«50»: Hideo Yokoyamas erste Veröffentlichung in Europa

Ein angesehener Polizist erwürgt seine Frau, zwei Tage später zeigt er sich selbst an. Was ist in diesen beiden Tagen passiert? Dieser Frage geht Hideo Yokoyama in seinem Thriller «50» nach.

Dienstag, 11.08.2020, 14:38 Uhr aktualisiert: 11.08.2020, 14:40 Uhr
«50» des japanischen Autors Hideo Yokoyama.
«50» des japanischen Autors Hideo Yokoyama. Foto: dpa

Berlin (dpa) - Der Abteilungsleiter im Dezernat I Kazumasa Shiki wird von seinem aktuellen Fall abberufen, um den Vizedirektor der Ausbildungsabteilung, Polizeihauptkommissar Sōichirō Kaji, zu verhören. Dieser will seine Frau ermordet haben. Seitdem sind zwei Tage vergangen.

Erst jetzt hat er sich selbst angezeigt. Was also ist in den vergangenen beiden Tagen passiert und warum will Kaji nicht darüber sprechen? Die Geheimnisse hinter diesem eigentlich bereits geklärten Fall beschreibt der Japaner Hideo Yokoyama in dem Thriller «50».

In Yokoyamas zweitem ins Deutsche übersetzte Buch gibt es keine Hauptfigur, die man durch das Geschehen begleitet. Vielmehr verbindet die Figuren die Frage, was der 49-jährige Sōichirō Kaji zu verbergen hat. Ein Polizist erwürgt am 13. Todestag seines einzigen Sohnes seine Frau auf deren Drängen hin, und wartet danach zwei Tage, bis er sich stellt. Jede mögliche Erklärung für die Geschehnisse ist unbefriedigend und scheint nicht zum Charakter Kajis zu passen.

Nachdem Shiki als einer der besten Vernehmungsbeamten nicht in der Lage ist herauszufinden, was zwischen dem Mord und der Selbstanzeige geschehen ist, wechselt Yokoyama auf die Sicht des Staatsanwalts Morio Sase, der Anklage gehen Kaji erheben wird. Doch auch der zweifelt das Geständnis an. Sollte der angesehene Polizist wirklich so lange herumgelaufen sein, um einen Platz zu suchen, an dem er Suizid begehen kann, während der tote Körper seiner Frau in seinem Haus lag?

Staatsanwalt Sase folgen als Handelnde ein Journalist, der Anwalt der Verteidigung, der beisitzende Richter, der Urteil und Strafmaß bestimmt, und ein Gefängnisaufseher. Sie alle versuchen, die Wahrheit ans Licht zu bringen. Sie zweifeln entweder an den offiziellen Informationen oder an dem, was der vermeintliche Täter selbst sagt. Jeder von ihnen findet einen Teil der Wahrheit heraus.

Neben der Frage, was in den zwei Tagen zwischen Mord und Anzeige passiert ist, drängt sich die Frage auf, warum Kaji als letzte Worte schrieb: «Der Mensch lebt 50 Jahre». Somit sieht man sich mit der unbestimmten Gewissheit konfrontiert, dass sich Kaji vielleicht doch noch das Leben nehmen will. Doch auch hier stellt sich die Frage warum, und warum im 50. Lebensjahr.

Der Japanische Titel des Buches «Han’ochi» bedeutet «Halbes Geständnis». Der Täter gibt nur die Hälfte der Geschehnisse preis. Unwillkürlich versucht man aus kleinen Anmerkung und Hinweisen herauszulesen, was in ihm vorgehen mag. Was ist ihm so wichtig, dass er sowohl seine Ehre als auch die der Polizei durch sein Schweigen eventuell beschmutzen könnte.

Noch heute ist in Japan die Ehre ein hohes Gut, die jedes Einzelnen ebenso, wie die der Gruppe, der man angehört. Hideo Yokoyama beschäftigt sich auch in diesem zweiten ins Deutsche übersetzen Roman mit den Zwängen, die oft aus der Aufrechterhaltung eben dieser Ehre resultieren. Umso weiter jemand die Karriereleiter nach oben geklettert ist oder klettern will, desto häufiger bestimmt der äußere Schein die Wahrheit. Diesen Umstand zeigt er in allen Institutionen auf, mit denen Kaji als Täter zu tun hat.

Der 1957 in Tokyo geborene Yokoyama war zwölf Jahre als investigativer Journalist tätig, bevor er begann, Kurzgeschichten zu schreiben. Heute zählt er zu den erfolgreichsten Kriminalautoren Japans. Sein erster ins Deutsche übersetzter Thriller «64» erreichte Platz eins der japanischen Bestsellerliste und wurde 2019 mit dem Deutsche Krimipreis ausgezeichnet.

Der Roman «50» wird von Sōichirō Kaji getragen. Die Geschichte jedes Einzelnen verbindet sich mit dessen Schicksal. Gleichzeitig wird man mit der konservativ-strengen Realität in den Strukturen der Behörden konfrontiert, die Wahrheit und Gerechtigkeit bestimmen. Doch auch wenn die treibende Frage am Ende beantwortet wird, hinterlässt Hideo Yokoyama wieder den fahlen Beigeschmack, den ein korrumpiertes System erzeugt.

- Hideo Yokoyama: 50. Atrium Verlag, Hamburg, 368 Seiten, 22,00 Euro, ISBN 978-3-855-35097-3.

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