TV-Tipp
Mein Altweibersommer

Rainer Bock hat im Film sehr spät Karriere gemacht. Nazis, Möbelpacker und jetzt Iris Berbens Ehemann - seine Palette ist breit. Auch Netflix hat ihn für sich entdeckt.

Mittwoch, 12.08.2020, 00:01 Uhr aktualisiert: 12.08.2020, 05:05 Uhr
Rainer Bock und Iris Berben als Ehepaar in dem TV-Film "Mein Altweibersommer".
Rainer Bock und Iris Berben als Ehepaar in dem TV-Film "Mein Altweibersommer". Foto: Conny Klein

Berlin (dpa) - Es gibt Schauspieler, die viele Zuschauer kennen, sie wissen nur nicht, woher. Der 66-jährige Rainer Bock ist so ein Fall, ein Hochkaräter, der für Nebenrollen besetzt wird, in seiner vermeintlichen Biederkeit schon wieder sehr cool. Bei ihm braucht es ein Foto, dann sagen die Leute: «Ach, der!».

Der gebürtige Kieler, der in München lebt, hat zuerst im Theater Karriere gemacht. Richtig viele Filme, auch einige internationale, kamen für ihn weit nach dem 50. Geburtstag.

Kinogängern fiel er in Michael Hanekes «Das weiße Band» (2009) auf - da hatte er eine starke Nebenrolle, den Dorfarzt. Danach reichte die Palette vom «Bergdoktor» bis zu Serien wie «Das Boot» oder der BBC-Produktion «SS-GB». 2018 hatte er die Hauptrolle als Möbelpacker in «Atlas» und wurde für den Deutschen Filmpreis nominiert. In der Siegfried-Lenz-Verfilmung «Der Überläufer» spielte er einen Wehrmachtsoffizier, der ein grausames Regiment führt. Zum richtigen Knaller wurde für ihn eine Netflix-Serie, aber dazu später mehr.

Am 12. August (20.15 Uhr im Ersten) ist Rainer Bock im Drama «Mein Altweibersommer» als Ehemann von Iris Berben zu sehen. Es ist einer von zwei Filmen zum 70. Geburtstag von Berben. Es geht um späte Sehnsüchte: Eine Frau bricht aus ihrem wohlsituierten Leben und der «Schöner Wohnen»-Idylle aus, sie brennt mit einem Zirkusdirektor durch. Der Ehemann versucht mit Nachsicht, die Krise zu überwinden.

Bock hat dabei weniger das Thema Alter interessiert als die Erschütterung einer Beziehung. «Konkret auf meine Figur angesprochen, hat mich sehr fasziniert, wie er damit umgeht. Das heißt, weder mit Vorwürfen noch mit tiefster Depression. Er ist gekränkt, er ist traurig. Er hat sicherlich Angst, sie zu verlieren. Aber er zeigt unheimliche Größe.» Mit Berben zu drehen, sei ein Vergnügen gewesen. «Macken, die irgendetwas trüben könnten, habe ich keine entdeckt.» Sie hätten viel Spaß gehabt.

Ein Highlight seines Berufslebens war für ihn die Netflix-Serie «Better Call Saul», ein Ableger der Drogensaga «Breaking Bad». Darin spielt er sechs Folgen lang den deutschen Ingenieur Werner Ziegler. Drei Monate war er dafür in New Mexico. Im «Methusalem-haften Alter» war es seine erste USA-Reise überhaupt, erzählt er. «Mein Sohn war dabei als mein Personal Assistant und meine Frau als sie selbst.» Es sei ein Geschenk gewesen, dort die Leute und die Arbeitsweise kennenzulernen. Die Drehbuchentwicklung sei in Amerika auf einem anderen Stand als in Deutschland. Die Serie «Breaking Bad» hat er in der Vorbereitung nachgeholt. «Das war das beste Fernsehen, was ich bisher gesehen habe.»

Bock denkt aber bei all dem Hype um Streaming und Serien nicht, dass das klassische Fernsehen nach dem 20.15-Uhr-Muster passé ist. «Ich finde bei dieser Diskussion schwierig, dass man große Bevölkerungsteile einfach versucht auszuklammern. Wir machen nicht nur Fernsehen und Film für die bis 35-Jährigen. Ich kann niemanden zwingen, sich Netflix, Amazon und wie sie alle heißen zuzulegen, sondern es gibt eine sehr große Klientel, und da sind natürlich auch die Älteren gemeint, die in den Sehgewohnheiten von ZDF und ARD bedient werden möchte.»

Auf welche Rollen Bock keine Lust mehr hat? Auf solche, «die kein Fleisch am Knochen haben: wenn sie keine Entwicklung haben oder nur dramaturgische Funktionsträger sind». Oft sei er darauf angesprochen worden: «Sie haben doch jetzt so oft Nazi-Sachen gespielt, sind Sie das nicht mal leid?». Dazu sagt Bock: Nein, das werde er nie leid sein. «Natürlich muss das Drehbuch stimmen, die Figur muss nachvollziehbar sein. Ich halte es aber für meinen kleinen privaten Auftrag in meinem Beruf: So lange Parteien, die dieser Zeit ideologisch nahestehen, 10 Prozent kriegen, solange beteilige ich mich gerne an der Aufarbeitung dieses Themas.»

© dpa-infocom, dpa:200810-99-114557/3

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