Elena Ferrantes neuer Roman
Die Höhen und die Tiefen Neapels

Diese blöden Erwachsenen - in ihrem neuen Neapel-Roman schlüpft Elena Ferrante in die Rolle eines Teenagers, der an seinen Eltern verzweifelt. Nicht immer ganz überzeugend.

Dienstag, 01.09.2020, 16:48 Uhr aktualisiert: 01.09.2020, 16:50 Uhr
Elena Ferrantes neuer Rom: «Das lügenhafte Leben der Erwachsenen».
Elena Ferrantes neuer Rom: «Das lügenhafte Leben der Erwachsenen». Foto: -

Berlin (dpa) - Elena Ferrante ist nicht die erste Vertreterin ihrer Zunft, die Neapel ein literarisches Denkmal gesetzt hat - aber sicherlich die erfolgreichste.

Von ihrem vierbändigen Romanepos «Meine geniale Freundin» hat die italienische Schriftstellerin, die ihren Namen hinter einem Pseudonym verbirgt, allein in der deutschen Fassung nach Verlagsangaben zwei Millionen Exemplare verkauft. Es ist ein Epochenroman, der den Lebenslauf zweier Frauen aus Neapel mit einem halben Jahrhundert italienischer Geschichte und dem gesellschaftlichen Wandel in ihrer Stadt und im ganzen Land in nahezu genialer Weise verknüpft.

Auch in ihrem neuen Roman «Das lügenhafte Leben der Erwachsenen» führt die geheimnisumwitterte Autorin ihre Leser wieder in die - nach Rom und Mailand - drittgrößte Stadt Italiens. Ging es in «Meine geniale Freundin» in die schäbigen Elendsquartiere Neapels, in denen die Romanheldinnen Lenù und Lila aufwachsen, so ist nun die Oberstadt am Vomero-Hügel der Schauplatz - wo die Besserverdiener leben und von wo man einen postkartenwürdigen Ausblick auf den Vesuv und die prächtige Bucht von Neapel mit den Inseln Capri und Ischia hat.

Hauptfigur ist die Schülerin Giovanna, zu Beginn der Handlung 1992 ist sie 13 Jahre alt. Sie muss lernen, zwischen Schein und Sein zu unterscheiden. Erst entdeckt sie, dass es da eine Tante und noch mehr Verwandtschaft in der Unterstadt gibt, von denen sie gar nichts wusste. Ihr Vater, Gymnasiallehrer und stadtbekannter Intellektueller, will mit denen da unten nichts zu schaffen haben.

Dann kommt heraus, dass der Vater die Mutter schon seit vielen Jahren betrügt, und zwar mit der Frau seines besten Freundes und Mutter von Giovannas Freundinnen Angela und Ida. Die Eltern trennen sich. Giovanna, bis dahin eine Musterschülerin mit ausgeprägtem Faible für klassische Literatur, lässt in der Schule stark nach und interessiert sich bald auch mehr für Jungs als für Bücher.

Freundschaft und Familienzwist, Liebe und Verrat, Vergangenheit, die sich nicht verdrängen lassen will, viele vertraute Ferrante-Elemente finden die Leser auch im neuen Roman in der bewährten Übersetzung von Karin Krieger wieder. Und einmal mehr ist Neapel selbst eine der Protagonistinnen, jene Stadt, die der Schriftsteller Curzio Malaparte (1898-1957) einmal als «die geheimnisvollste Stadt Europas» pries. Gegen den Willen der Eltern besucht Giovanna die Tante Vittoria, steigt ab aus den lichten Höhen des Rione Alto und lernt, wie in Neapel topographische Höhe und soziale Schichtung zusammenhängen.

Die Assoziation verlogene Reiche oben und herzensgute Arme unten wirkt allerdings manchmal etwas klischeehaft - nicht die einzige Schwäche des Romans. Die Handlung plätschert ohne große Höhepunkte dahin, der Lesesog, der einen durch vier Bände «Geniale Freundin» zog, mag sich nicht recht einstellen. Ein goldener Armreif, der etliche Male die Besitzerin wechselt, als eine Art roter Faden der Geschichte wirkt am Ende leicht überstrapaziert. Die Schilderungen von Sexualität sind derb und nicht unbedingt gelungen, und wahrscheinlich wollen viele Leser gar nicht wissen, wie die ungewaschenen Genitalien junger Neapolitaner stinken.

«Also, was ging in der Welt der Erwachsenen vor, im Kopf von höchst vernünftigen Menschen, in ihren ideenbeladenen Körpern?», fragt sich Giovanna nach der Trennung ihrer Eltern. Eine ganz andere Frage stellen sich viele Leser und Kritiker schon seit Jahren, nämlich wer eigentlich hinter dem Namen Elena Ferrante steckt. Es gibt diverse Vermutungen. Ein italienischer Enthüllungsjournalist schrieb 2016, es müsse sich um die Übersetzerin Anita Raja handeln, und legte starke Indizien vor. Bestätigt wurde das nie.

So weiß der Leser auch nicht, aus welchem Kontext Ferrantes Texte entstanden sind. In «Meine Geniale Freundin» könnten durchaus autobiografische Elemente eingeflossen sein, nachweisen lässt sich das wegen der Anonymität nicht. Es bleibt aber nach der Lektüre des neuen Romans der Eindruck, dass die Autorin eine 1944 geborene Ich-Erzählerin wie Elena Greco (Lenù) aus der «Genialen Freundin» mit ihrem ganzen Umfeld und ihrer Erlebniswelt authentischer darstellen kann als einen 1979 geborenen Teenager wie Giovanna Trada. Sollte sie jemals enttarnt werden, dann werde sie aufhören zu schreiben, hat Ferrante in einem Interview vor einigen Jahren einmal gewarnt.

- Elena Ferrante: Das lügenhafte Leben der Erwachsenen. Aus dem Italienischen von Karin Krieger, Suhrkamp, Berlin, 415 Seiten, 24 Euro, ISBN 978-3-518-42952-5.

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