Familiengeschichte
Chaostage im Schanzenviertel: «Sicherheitszone»

Drei Jahre danach: Der aus den Fugen geratene Hamburger G20-Gipfel und seine Folgen als voluminöser Roman.

Dienstag, 01.09.2020, 17:12 Uhr aktualisiert: 01.09.2020, 17:14 Uhr
«Sicherheitszone» von Katrin Seddig.
«Sicherheitszone» von Katrin Seddig. Foto: dpa

Berlin (dpa) - Es waren Bilder wie aus dem Krieg: Schwarze Rauchwolken über dem Schanzenviertel, rotierende Hubschrauber über der Stadt, in den Straßen verwüstete Geschäfte und angezündete Autos, Gewaltorgien bei außer Kontrolle geratenen Demonstrationen.

Bis heute sind die Chaostage von Hamburg während des G20-Gipfels im Juli 2017 ein Trauma, das die Hansestadt am liebsten vergessen und ungeschehen machen würde. Die juristische Aufarbeitung dauert immer noch an. Nun sind die drei Tage Ausnahmezustand rund um den G20-Gipfel auch Thema für die Literatur geworden.

In dem Roman «Sicherheitszone» der Hamburger Autorin Katrin Seddig sind sie der zentrale Punkt, an dem die Fäden ihrer Familiengeschichte zusammenlaufen. Dramaturgisch spitzt sich der Konflikt in der Konfrontation zweier Geschwister zu, die sich unvermittelt auf gegensätzlichen Seiten wiederfinden: Der aufmüpfige Teenager Imke schließt sich den Demonstranten an, ihr älterer Adoptivbruder Alexander ist einer der Polizisten, die das Chaos mit allen Mitteln in den Griff kriegen sollen. Um diese beiden Figuren herum entwickelt Seddig («Das Dorf») einen klassischen Drei-Generationen-Roman, in dem sich auch ein Teil deutscher Geschichte widerspiegelt.

Oma Helga hat den Krieg noch erlebt. Sie kam als Flüchtlingskind aus Ostpreußen in den Westen und denkt noch oft an diese Vergangenheit zurück. Ihre Ideale sind die der 50er Jahre: Ordnung und Anstand an oberster Stelle, Akzeptanz traditioneller Rollenbilder, auch wenn es schwer fällt. Ausländer, speziell Asylbewerber, betrachtet die alte Dame mit Misstrauen, Schwule und Lesben sowieso. Die Ironie der Geschichte: Ihr geliebter Enkel Alexander ist eigentlich schwul, doch das wissen sie und der Rest der Familie nicht.

Diese Familie befindet sich tatsächlich mehr oder weniger in Auflösung. Speziell die mittlere Generation driftet orientierungslos dahin. Der erfolgreiche Antiquitätenhändler Thomas hat seine Frau Natascha verlassen und mit einer wesentlich jüngeren Lehrerin angebändelt, die dann aber einem Flüchtling den Vorzug gibt. Nun wohnt der 50-Jährige über einer alten Garage, immer noch in Sichtweite seiner Familie, und ergeht sich in Selbstmitleid. Als er bei einer Demo durch Tränengas verletzt wird, sieht er sich prompt als Opfer von Polizeigewalt. Die verlassene Natascha wiederum knüpft ohne viel Enthusiasmus eine Beziehung mit einem Bekannten ihres Mannes an und findet ihre Erfüllung in einer aufrührerischen Kunstaktion.

Das Buch funktioniert ein bisschen wie ein Thesenroman. Die Figuren sollen bestimmte politische und gesellschaftliche Haltungen verkörpern und wirken dabei entweder holzschnittartig wie Oma Helga oder nichtssagend wie Thomas und Natascha. Wirklich interessant ist eigentlich nur Alexander als Kind unbekannter Herkunft in seiner Zerrissenheit als schwuler Polizist, der den harten Mann markieren soll. Doch das ist zu dünn für einen so weitschweifigen Roman. «Sicherheitszone» funktioniert leider weder als Familienroman noch als Stimmungsbild der damaligen Chaostage. Das findet man sehr viel besser in alten Zeitungsreportagen.

- Katrin Seddig: Sicherheitszone, Rowohlt Berlin, Berlin, 416 Seiten, 24,00 Euro, ISBN 978-3-7372-0096-0.

© dpa-infocom, dpa:200901-99-384134/3

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7562087?categorypath=%2F2%2F2669082%2F2670173%2F2686136%2F2686170%2F
Nachrichten-Ticker