Kraftvoller Roman
Wie der Golem nach Island kam: «CoDex 1962»

Der isländische Avantgarde-Autor Sjón vermischt Poesie und Prosa, Realität, Fantasie und Mystik. Sein Erzähltempo ist gemächlich.

Dienstag, 22.09.2020, 12:59 Uhr aktualisiert: 22.09.2020, 13:11 Uhr

Berlin (dpa) - Fast 30 Jahren lang trug der isländische Avantgarde-Autor Sjón seine Romanidee über die berühmte Geschichte des Prager Golem in sich.

Seinen nun auf Deutsch erschienenen 640-Seiten-Wälzer «CoDex 1962» stellt er in die Tradition des Rabbiners Löw, der einst in der frühen Neuzeit das mystische Wesen schuf. Der dreiteilige Roman nimmt in Nazi-Deutschland seinen Anfang und erstreckt sich bis in die Nullerjahre.

Der über zwei Drittel des Buches noch ungeborene Erzähler Jósef berichtet, wie ihn sein jüdischer Vater aus Lehm formt, mit ihm nach Island flieht und dort schließlich zum Leben erweckt. Der letzte Part des Romans beginnt 1962, Sjóns Geburtsjahr. Nach einem Unfall in einer Biotech-Firma kommen seinerzeit genetisch veränderte Kinder auf die Welt. Ab da erreicht das Buch nach Liebesgeschichte und Krimistory das Reich der Science Fiction.

Erneut verwischt Sjón Poesie und Prosa, Realität, Fantasie und Mystik. Jósef macht er zu einem präzisen Beobachter feinster Details. Für das gemächliche Erzähltempo und unzählige Seitenstränge müssen Leser zwar Geduld mitbringen. Am Ende werden sie aber mit einem kraftvollen Roman und einnehmenden Charakteren belohnt. Nicht ohne Grund wird «Codex 1962» von Kritikern mit der «Blechtrommel» oder «Tristram Shandy» verglichen.

- Sjón: CoDex 1962, S. Fischer Verlag, 640 Seiten, 32,00 Euro, ISBN 978-3-10-397341-9.

© dpa-infocom, dpa:200922-99-659221/2

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