Frankfurter Buchmesse
Buchumsatz erholt sich von der Corona-Delle

Nächste Woche beginnt die Frankfurter Buchmesse - in völlig neuer Form. Die Branche kämpft sich aus der Corona-Delle und ist offen für Experimente.

Montag, 05.10.2020, 05:07 Uhr aktualisiert: 05.10.2020, 08:32 Uhr
Wegen der Corona-Pandemie kann die weltgrößte Bücherschau nur eingeschränkt stattfinden.
Wegen der Corona-Pandemie kann die weltgrößte Bücherschau nur eingeschränkt stattfinden. Foto: Silas Stein

Frankfurt/Main (dpa) - Das Buch ist kein Corona-Gewinner. Man könnte meinen, Lesen sei die Freizeitbeschäftigung der Wahl in einem Jahr, in dem Kultur vor Ort kaum stattfindet, aber die Umsatzzahlen waren schlecht und werden nur langsam besser.

Um so wichtiger ist es, für das Buch zu trommeln. Aber das größte Trommel-Event des Jahres, die traditionsreiche Frankfurter Buchmesse (14. bis 18. Oktober), ist selbst ein Corona-Opfer.

Das Herzstück der internationalen Bücherschau wurde abgesagt: Keine Messestände, kein Gedränge in den Hallen, keine Publikumstage, kein Ehrengast-Pavillon, keine Partys und Empfänge, kaum ausländische Gäste. «Es ist als würde ein Arm abgehackt werden», sagt Joachim Unseld. Der Frankfurter Verleger hat an mehr als 40 Buchmessen teilgenommen - die Ausgabe dieses Jahres sei «ein Trauerspiel».

Als der Aufsichtsrat der Buchmesse im Mai beschloss, dass die Buchmesse stattfinden soll, rieben sich manche Verlage verwundert die Augen. Die Bereitschaft, sich darauf einzulassen, war gering. Bis zum Ende der Anmeldefrist Mitte August hatten sich laut dem Fachblatt «buchreport» nur rund 750 Teilnehmer registriert - etwa zehn Prozent der Aussteller des Vorjahres. Ehrengast Kanada verschob den physischen Gastlandauftritt ins nächste Jahr.

Als im Herbst noch Reisebeschränkungen dazu kamen, zog die Buchmesse die Reißleine und sagte die Hallenausstellung ab. Die meisten Verlage fanden, dass das die richtige Entscheidung war: Eine Messe mit wenigen Gemeinschaftsständen in leeren Hallen hätte dem Nimbus der Weltmesse geschadet. Außerdem gehe Gesundheitsschutz vor.

Die «Special Edition» 2020 ist ein Mix aus Präsenzveranstaltungen für das Publikum und einer digitalen Messe für Fachbesucher. Wie das angenommen wird und wer davon profitiert, bleibt abzuwarten. «Es ist ein Jahr des Ausprobierens», sagt Buchmessen-Direktor Juergen Boos. Weil das meiste kostenlos ist, rechnet er mit einem Millionenverlust. Bis Anfang Oktober hatten sich 3776 «digitale Aussteller» aus 94 Ländern bei der Buchmesse angemeldet.

Es geht wohl vor allem darum, ein Zeichen der Hoffnung zu setzen. «Signals of Hope» heißt denn auch die Kampagne, mit der die Buchmesse die «Special Edition» in den sozialen Medien bewirbt. Das Buch kann PR gebrauchen: Laut Media Control lag der Buchumsatz bis August dieses Jahres um 5,8 Prozent unter dem Umsatz des Vorjahreszeitraums.

Dennoch sieht der Börsenverein des Deutschen Buchhandels einen Hoffnungsstreif am Horizont - denn direkt nach dem Lockdown waren die Zahlen noch schlechter: Von Januar bis Mitte April lag der Umsatz 14,9 Prozent unter denen des Vorjahreszeitraums. Besonders betroffen war der Buchhandel vor Ort: Bis August lag der Umsatz um 10,8 Prozent unter dem des Vorjahreszeitraums, bis zum Ende des Lockdowns waren es sogar minus 21,1 Prozent.

«Seit Wiedereröffnung der Läden ist die Nachfrage nach Büchern jedoch groß, die Umsätze liegen seit Juni jeweils über denen der Vorjahresmonate», sagt die Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Karin Schmidt-Friderichs. «Somit kann der Buchhandel den Umsatzrückstand Monat für Monat verkleinern. Das Buch erweist sich als krisenfest.»

«Viel wird davon abhängen, wie sich das Weihnachtsgeschäft in diesem Jahr entwickelt», sagt die Verlegerische Geschäftsführerin der S. Fischer Verlage, Siv Bublitz. Die Fischer Verlage seien bisher «glimpflich durch die Krise gekommen». Das Frankfurter Verlagshaus hat einen Teil seiner Neuerscheinungen ins nächste Jahr verschoben und bietet neue digitale Formate.

«Das Jahr 2020 ist insgesamt deutlich besser verlaufen als zu Beginn der Pandemie zu befürchten war», sagt Alexander Lorbeer, CEO der Holtzbrinck Buchverlage. Zwar gebe es «erkennbare Umsatzrückgänge», die Mitarbeiter hätten aber auch «unzählige neue Ideen entwickelt».

Im Vergleich zu anderen Branchen seien die Verlage «mit einem blauen Auge» durch das Krisenjahr gekommen, glaubt auch Joachim Unseld. «Wir können sagen: Es wird weiter gelesen.» Seine Frankfurter Verlagsanstalt (FVA) begeht in diesem Jahr ein Doppel-Jubiläum: Vor 100 Jahren wurde der Verlag erstmals gegründet, vor 25 Jahren übernahm der Sohn des früheren Suhrkamp-Verlegers die Geschäfte. Die Feier fällt wegen Corona aber ebenso aus wie der Buchmessen-Empfang.

Dass die Buchmesse, wenn auch stark eingedampft, doch stattfindet, begrüßen die meisten Verleger. «Es ist ein großer Testlauf - wenn auch aus der Not heraus», sagt Unseld. Alles verlagere sich ins Digitale - es sei wichtig, diese Formate jetzt auszuprobieren. «Die Frankfurter Buchmesse bleibt für uns ein sehr wichtiges Format, ihre Bedeutung für die Sichtbarkeit unserer Autorinnen und Autoren ist unverändert groß», heißt es bei Holzbrinck.

Gerade in diesem Jahr sei die Buchmesse besonders wichtig, betont Börsenvereins-Vorsteherin Schmidt-Friderichs: «Für Buchhandlungen und Verlage ist es jetzt entscheidend, breite Aufmerksamkeit für Bücher und das Lesen zu erreichen.»

© dpa-infocom, dpa:201005-99-825825/3

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7617234?categorypath=%2F2%2F2669082%2F2670173%2F2686136%2F2686170%2F
Nachrichten-Ticker