Literarischer Fiebertraum
Clash der Kulturen: «Die Dame mit der bemalten Hand»

Indien 1764: Zwei völlig unterschiedliche Männer stranden auf einer Insel im Indischen Ozean. In «Die Dame mit der bemalten Hand» geht es um um Sprachlosigkeit, Sinnsuche, Wissenschaft, Tod - und ein ganz besonderes Sternbild.

Dienstag, 06.10.2020, 15:38 Uhr aktualisiert: 06.10.2020, 15:40 Uhr
Die Autorin Christine Wunnicke (2007).
Die Autorin Christine Wunnicke (2007). Foto: Privat

Berlin (dpa) - Schon seit Jahren ist sie mit ihren rätselhaften Romanen ein Liebling der Kritiker. Nun hat es Christine Wunnicke mit ihrem Roman «Die Dame mit der bemalten Hand» in die Endauswahl für den Deutschen Buchpreis geschafft.

Es ist ein ungleiches Paar, das im Jahr 1764 auf der Insel Elephanta im Arabischen Meer aufeinander trifft: Der persische Astronom Musa, der eigentlich auf dem Weg nach Arabien ist, und der junge deutsch-dänische Mathematiker Niebuhr, der als Einziger seiner Expedition noch am Leben ist. Auch Niebuhr erkrankt auf der Insel und fiebert dort in einer Ruine vor sich hin, bis Musa ihn findet. «Er trat mir auf den Lebensweg und setzte sich dort tagelang fest», sagt Musa und pflegt den Fremden gesund, auch, indem er ihn wie in «1001 Nacht» mit Erzählungen am Leben zu halten scheint.

Die Insel Elephanta vor Mumbai - heute übrigens Unesco-Weltkulturerbe - ist in der Geschichte kein exotisches Paradies, sondern wird als struppig und grau beschrieben. Also kein Ort, der sich bezwingen lässt, erst recht nicht von den beiden Hauptfiguren, die alles andere als abenteuerlustige Haudegen sind. Die Männer haben sich verirrt, auf Elephanta und auch im Leben, so scheint es.

Der artige Norddeutsche Niebuhr soll auf seiner Expedition für seinen Auftraggeber eigentlich Beweisstücke für den Wahrheitsgehalt der biblischen Geschichten finden. Auf Elephanta stellt er aber desillusioniert fest: «Ich hasse die Religion.» Diesen Carsten Niebuhr und seine Forschungsreise im Auftrag des dänischen Königs und eines Göttinger Orientalisten gab es wirklich.

Der persische Wissenschaftler Musa hingegen erhofft sich, in Arabien den Sinn aller Dinge zu finden. Immerhin kennt er schon alle zwanzig Wörter, die im Sanskrit «Sinn» bedeuten können. Mit einem Hang zur Selbstdarstellung und Dramatik ausgestattet, flunkert er sich durch seine Geschichten. Auch Niebuhr ist letzten Endes auf der Suche nach Sinn oder zumindest nach einem größeren Interesse: «All die Zeit zwischen Geburt und Tod müsste man sich vertreiben. Mehr fiel ihm zum Menschenleben nicht ein.»

Das Buch umfasst nur wenige Tage. Ein Buch wie ein Fiebertraum, verschnörkelt und leicht neben der Spur. Ein bisschen Abenteuerroman, ein bisschen Alice im Wunderland. Es liest sich schön, wie Christine Wunnicke beschreibt, aus welch unterschiedlichen Welten Niebuhr und Musa kommen. Das beginnt bei der Sprachbarriere: Sie unterhalten sich auf Arabisch, was keiner von beiden fließend beherrscht. Dabei kommen so hübsche Wortschöpfungen wie «du lügst wie gestempelt» heraus.

Gerade im Miteinander der Figuren liegt die Kraft der Erzählung. Die präzisen Momentaufnahmen, in denen beschrieben wird, wie die beiden vom jeweils anderen hochgradig irritiert sind, machen Freude. Die unterschiedlichen Weltanschauungen zeigen sich auch bei einem Blick in die Sterne. «Wir glotzen alle in denselben Himmel und sehen verschiedene Bilder», sagt Niebuhr. So sieht er die Kassiopeia, während das gleiche Sternbild für Musa nur die bemalte Hand einer Frau ist.

Von diesen Momenten, in denen sich die zwei verstehen und irgendwie auch nicht, in denen sie die gleiche Welt anschauen und irgendwie auch wieder nicht, würde man gerne mehr lesen. Gerade dort kommt der hintergründige Witz und auch eine gewisse Situationskomik zur Geltung und manche Sätze sind von bestechender Klarheit. Oft setzt die Autorin aber auf langatmige Erzählungen. Auf die ausufernden Beschreibungen der Insel, der wissenschaftlichen Erkenntnisse in der Astronomie und mancher Legenden hätte man verzichten können. Dabei braucht die Geschichte onehin sehr lange, bis sie Fahrt aufnimmt und endet dann wiederum recht abrupt.

Die Jury für den Buchpreis fand das Buch der 1966 geborenen Wunnicke «souverän und absolut verführerisch». Ob sie sich gegen die anderen Kandidatinnen und Kandidaten in der Endrunde für den Buchpreis durchsetzen kann, wird sich am 12. Oktober zeigen.

- Christine Wunnicke: Die Dame mit der bemalten Hand, Berenberg, 166 Seiten, 22,00 Euro, ISBN 978-3-946334-76-7.

© dpa-infocom, dpa:201006-99-845381/2

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