Polizeigewalt
Das düstere Amerika: James Ellroys Roman «Jener Sturm»

Kriminelle Polizisten sind ein Dauerthema in den USA. James Ellroy schreibt seit Jahren Krimis darüber, wie sich dieses Problem durch die Jahrzehnte zieht. Sein neuer Roman spielt zu Beginn des Zweiten Weltkriegs.

Dienstag, 20.10.2020, 15:18 Uhr aktualisiert: 20.10.2020, 15:39 Uhr
Der Autor James Ellroy lässt seinen neuen Kriminalroman in Los Angeles zu Beginn des Zweiten Weltkriegs spielen.
Der Autor James Ellroy lässt seinen neuen Kriminalroman in Los Angeles zu Beginn des Zweiten Weltkriegs spielen. Foto: Matt Crossick

Berlin (dpa) - Los Angeles, Silvester 1941. Drei Wochen nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor, mit dem für die USA der Zweite Weltkrieg begann, ist die Stadt voller Angst und Durcheinander. Genau das richtige Umfeld für einen Roman von James Ellroy.

«Jener Sturm» heißt das voluminöse Buch, mit dem der Autor seinem Blick auf die düstere Seite der Metropole an der US-Westküste eine weitere Facette hinzufügt.

Der Roman beginnt mit einer einfachen Polizeiaktion. Ein gerade entlassener Sträfling soll in Gewahrsam genommen werden, weil er sich an Frauen vergangen haben soll. Die Erzählung beginnt mitten in der Aktion, unmittelbar geschildert von einem der Polizisten: «Eine Menschenjagd. Wie’s beim Police Department Brauch ist. Vier Opfer hatten Tommy auf Verbrecherfotos identifiziert. Worauf sich der Chief und Dudley Smith zusammensetzten. Und den Einsatz befahlen. Der unmissverständlichen Vorgabe entsprechend: Auf perversen Scheiß mit Frauen steht TOD.»

Dieser Kommentar entspricht natürlich nicht dem klassischen Image eines Ordnungshüters. Aber die gibt es ohnehin kaum in der Welt, die Ellroy in seinen Romanen erschafft. So ist Dudley Smith, eine der Hauptfiguren des Romans, in seinem öffentlichen Leben zwar ein aufrechter Polizist, in Wahrheit aber ein Zuhälter, Menschenschmuggler, Drogenhändler und Nazi. Und er ist bei weitem nicht der einzige mit einem solchen Doppelleben.

Bei solchem Personal ist «Jener Sturm» natürlich kein normaler Kriminalroman, aber er enthält doch eine ganze Reihe von mehr oder weniger zusammenhängenden Erzählsträngen, die sich um Kriminalfälle drehen. Bei fast 1000 Seiten Länge bietet der Roman Platz für zahlreiche Geschichten, die Los Angeles und seine Bewohner als moralisch anfällig und wenig Vertrauen erweckend darstellen.

Zusammengehalten wird die Handlung von älteren Kriminalfällen, die Ende des Jahres 1941 wieder ans Licht kommen. In einem Fall sogar wortwörtlich, denn während eines heftigen Regens wird in einem Park eine seit Längerem versteckte Leiche ins Freie gespült. Diese Leiche steht, wie im Verlauf des Romans deutlich wird, im Zusammenhang mit einem Goldraub und einem Brand.

Wie schon in seinen vielen Vorgängerromanen erzählt Ellroy auch in «Jener Sturm» die Kriminalgeschichten mit großer Souveränität. Die Handlungen und Schauplätze sind atmosphärisch dicht geschildert, und es wird immer wieder deutlich, dass Ellroy ganz genau kennt, wovon er schreibt. So ist eine der vielen Romanfiguren der japanisch-stämmige Gerichtsmediziner Hideo Ashida. Wegen seiner Herkunft ist er so kurz nach Pearl Harbor unter Dauerverdacht, ein Verräter zu sein. Die Angst vor einem unmittelbar bevorstehenden japanischen Angriff auf das amerikanische Festland wird immer wieder deutlich. Aber Ellroy zeigt Ashida auch als Naturwissenschaftler, und er weiß, wie zur damaligen Zeit gearbeitet wurde.

Ellroy schließt mit «Jener Sturm» nahtlos an das ebenso wuchtige wie ausufernde «Perfidia» aus dem Jahr 2015 an. Im ersten Roman konzentrierte Ellroy sich auf japanisch-stämmige Amerikaner und die Gefahren, in denen sie Ende 1941 schwebten. Im neuen Roman geht es mehr um die verborgene, aber doch allgegenwärtige Gefahr durch einen amerikanischen Faschismus.

Die beiden Romane bilden zusammen die erste Hälfte des sogenannten «Zweiten LA-Quartetts». Damit nimmt Ellroy Bezug auf die Romanserie, die ihn berühmt gemacht hatte. In seinem ersten «LA-Quartett«, bestehend aus den Romanen «Die schwarze Dahlie», «Blutschatten», «L.A. Confidential» und «White Jazz», hatte er zwischen 1987 und 1992 die düsteren Seiten von Los Angeles in Krimis beschrieben, die Ende der 40er und Anfang der 50er Jahre spielten. Das zweite Quartett erzählt die Vorgeschichte in völlig eigenständigen Romanen.

James Ellroy, Jahrgang 1948, ist wie besessen von der Idee, seinen Lesern einen Teil der Vergangenheit näherzubringen. In einem Interview mit der britischen Zeitung «Guardian» betonte er: «Ich habe schon immer in der Vergangenheit gelebt. Mein Ansinnen ist es, meine Leser aus ihrem alltäglichen Leben zu reißen und sie mit großen Stücken amerikanischer Geschichte - und ganz besonders der Geschichte von Los Angeles - zu füttern.»

«Jener Sturm» ist ein faszinierender Roman, aber leicht zu lesen ist er nicht. Ellroy verlangt seinen Lesern viel ab, sowohl sein stakkato-artiger Erzählstil als auch die unübersehbare Mange an Handlungssträngen und eingesetzten Figuren sind eine Herausforderung. Allein das Personenverzeichnis ist sieben Seiten lang. Aber wer sich auf das Buch einlässt, wird im Zweifelsfall Ellroys weitere Romane kennenlernen wollen.

- James Ellroy: Jener Sturm. Ullstein Verlag, Berlin, 976 Seiten, 35,00 Euro, ISBN 978-3-550-05041-1.

© dpa-infocom, dpa:201020-99-07767/2

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