Entschleunigung
Zum Relaxen: Melody Gardot und Till Brönner

Mit diesen Mainstream-Alben kann man den erzwungenen Stillstand in Pandemie-Zeiten gut ertragen: Melody Gardot und Till Brönner ärgern die «Jazz-Polizei», bereiten aber vielen Hörern relaxte Momente.

Donnerstag, 26.11.2020, 15:00 Uhr aktualisiert: 26.11.2020, 15:02 Uhr
Melody Gardot setzt stark auf ultra-smoothe Liebesballaden.
Melody Gardot setzt stark auf ultra-smoothe Liebesballaden. Foto: Sophie Harrow

Berlin (dpa) - Jazz als edle Hintergrundmusik: Genre-Puristen mögen das nicht so toll finden. Aber ist es wirklich schlimm, mit den neuen Alben von US-Sängerin Melody Gardot und dem deutschen Trompeter Till Brönner im langen Corona-Herbstwinter eine ruhige Kugel zu schieben?

Wenn beide Topstars zusammentreffen - gleich im Opener von Gardots neuem Werk «Sunset In The Blue» (Decca/Universal) - ist die Chemie zwischen diesen Koryphäen unmittelbar zu spüren. In «If You Love Me», komponiert von der amerikanischen Mainstream-Jazz-Künstlerin und Dadi Carvalho, haucht Brönner so sensibel in sein Instrument, dass Gardots zartbitterer Gesang ein perfekt gestyltes Ambiente vorfindet. Wunderschön. Wie noch so einiges auf diesem Album, das des öfteren eine bezaubernde Nähe zu Bossa Nova und Samba aufweist.

Fünf Jahre ist es her, dass Melody Gardot (35) auf ihrem vierten und bisher letzten Studioalbum «Currency Of Man» (2015) mit raueren, groovenden Songs politisch wurde. Die «New York Times» sprach von einem «kreativen Meilenstein, der die Grenzen zwischen Jazz, Blues und R&B überschreitet, um ein aufwühlendes soziales und musikalisches Statement abzuliefern».

So drastisch entfernt sich die Virtuosin aus New Jersey auf «Sunset In The Blue» nicht vom Pfad, den sie 2008 mit «Worrisome Heart» eingeschlagen hatte. Überwiegend sind es ultra-smoothe Liebesballaden aus eigener oder fremder Feder (darunter ein herrliches «Moon River»), die an klassische Jazz-Vokalistinnen der 50er und 60er Jahre erinnern.

Begleitet wird Gardot von Spitzenpersonal wie Larry Klein und Anthony Wilson (Gitarre), Chuck Berghofer (Bass), Vinnie Colaiuta (Schlagzeug), Paulinho Da Costa (Percussion) und dem Royal Philharmonic Orchestra, das der großartige Vince Mendoza leitet. Und als Stargäste treten neben dem schon erwähnten Till Brönner (auch auf «Um Beijo» dabei) noch António Zambujo («C'est Magnifique») und Sting sowie dessen Stamm-Gitarrist Dominic Miller (im smarten Popsong und Album-Closer «Little Something») auf.

«Ein Album markiert ja nur eine Momentaufnahme und beschreibt, an welcher Stelle sich ein Musiker gerade befindet», sagte Gardot kürzlich im Deutschlandfunk Kultur. «Ich selbst fühle mich nicht begrenzt oder empfinde auch nicht, dass ich irgendjemandem etwas beweisen muss. Dieses Album ist aber ein Spiegelbild dessen, was mich gerade beschäftigt.» Und so passten die weichen, samtenen Arrangements der Lieder eben «gut zu meiner Energie dieser Zeit».

Wer in diesen Tagen Fernweh- und Urlaubsgefühle hegt, aber wegen Corona nicht wegkommt, kann sich auch von Till Brönners neuer Platte trösten lassen. Gemeinsam mit US-Grammy-Preisträger Bob James (80) am Klavier und einer kleinen Band hat der 49 Jahre alte Trompeter aus Berlin - Deutschlands erfolgreichster Jazzmusiker - ein auf das Angenehmste verführerisches Album aufgenommen.

Für das passenderweise «On Vacation» (Sony) betitelte Werk trafen sich die beiden Musiker zweier Jazz-Generationen im Herbst 2019 an einem «perfekten Ort», nämlich dem Studio «La Fabrique» in Südfrankreich. «Wir hatten beide zunächst sehr unterschiedliche Vorstellungen davon, wohin sich unsere gemeinsame Session entwickeln sollte», sagt der mehrfache ECHO-Gewinner und Grammy-nominierte Brönner, der vor einigen Jahren neben lauter Jazz-Weltstars als einziger Deutscher für Barack Obama im Weißen Haus spielen durfte. Ein Standard, der «Basin Street Blues», habe den Durchbruch gebracht.

«'On Vacation' ist für mich der Soundtrack zum Innehalten», so der Trompeter. Und weiter: «Diese Aufnahmen fühlen sich definitiv anders an als alles, was ich bisher gemacht habe.» Zwar mögen sich Puristen hier über manch leichte Muse, Cocktail- oder Schmuse-Jazz mokieren - und auch bedauern, dass Brönner die Intensität des reduzierten Duo-Vorgängers «Nightfall» (mit Bassist Dieter Ilg) nicht erreicht. Dank seiner Hochglanzproduktion und makelloser Instrumentalisten ist «On Vacation» gleichwohl ein akustisches Entspannungsbad.

© dpa-infocom, dpa:201123-99-434651/4

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