Katholische Kirche
Die Stunde der Wahrheit: Das Missbrauchstreffen im Vatikan

Seit Jahren verspricht die katholische Kirche, Missbrauchsskandale aufzuarbeiten. Reue alleine reicht nicht mehr. Der Papst lädt nun zu einem noch nie da gewesenen Gipfel in den Vatikan. Für Franziskus steht nicht nur seine eigene Glaubwürdigkeit auf dem Spiel.

Montag, 18.02.2019, 16:42 Uhr aktualisiert: 18.02.2019, 16:46 Uhr
Papst Franziskus leitet die Missbrauchskonferenz im Vatikan.
Papst Franziskus leitet die Missbrauchskonferenz im Vatikan. Foto: Andrew Medichini

Rom (dpa) - Was sind dreieinhalb Tage im Leben einer zweitausend Jahre alten Institution? Was sind dreieinhalb Tage, um einen Skandal aufzuarbeiten, der das Leben von Kindern auf der ganzen Welt zerstört hat?

Papst Franziskus hat für diese Woche die Chefs der Bischofskonferenzen der Welt in den Vatikan geladen. Der sexuelle Missbrauch von Kindern in der katholischen Kirche und Vertuschung sollen endlich von allen Kirchenoberen ernst genommen und verhindert werden. Die Erwartungen an den «Missbrauchsgipfel» könnten kaum höher sein. Die Falltiefe könnte allerdings auch kaum größer sein.

Es sei nun endlich Zeit, dem «Monster» Missbrauch ins Gesicht zu schauen, sagte Vatikansprecher Alessandro Gisotti. Seit Jahrzehnten ist bekannt, dass Priester und andere Geistliche rund um den Globus Kinder misshandelt haben. In Deutschland kam der Skandal vor rund zehn Jahren ans Licht.

Warum erst jetzt solch ein Gipfel? Das Treffen von Donnerstag bis Sonntag sei ein «wichtiger Schritt eines langen Prozesses», der vor 30 Jahren begonnen habe, sagte der deutsche Pater Hans Zollner, der zum Vorbereitungskomitee für das Treffen gehört. Das Aufsehen ist riesig. Schließlich gab es so eine Konferenz noch nie. Medien aus aller Welt strömen nach Rom, Opfergruppen haben Demonstrationen angekündigt. Papst Franziskus müssen nun endlich zeigen, dass seine «Null-Toleranz-Politik» nicht nur eine Ankündigung ist, sagte der deutsche Opfervertreter Matthias Katsch vom Eckigen Tisch.

Die Gefahr einer Enttäuschung ist groß. Reue für die «Schande» - für das «9/11» der Kirche, wie der Privatsekretär des emeritierten Papstes Benedikt, Georg Gänswein, mit Verweis auf die verheerenden Anschläge vom 11. September 2001 sagte - hat die Kirche zur Genüge gezeigt. Konkrete Taten müssen her: Eine Änderung des Kirchenrechts zum Beispiel. Oder eine sofortige Entlassung aus dem Priesterstand, wenn Täter überführt werden.

Doch bindende Beschlüsse können die etwa 190 Teilnehmer auf der Konferenz gar nicht fassen. Hinzu kommt, dass die Unterschiede in der Weltkirche riesig sind. In vielen Erdteilen wird Missbrauch bisher nicht als Problem anerkannt. «Wir im Nahen Osten zum Beispiel haben dieses spezifische Problem des Kindesmissbrauchs nicht wirklich in unserer Kirche», sagte das Oberhaupt der katholischen Kirche im Heiligen Land, Pierbattista Pizzaballa, dem Domradio.

Das Argument lassen die Aufklärer im Vatikan nicht gelten. «Manchmal höre ich aus einigen Teilen der Kirche: «Bei uns gibt es das nicht». Aber das heißt, dass man nicht darüber redet. Denn es existiert in der gesamten Menschheit», sagte Zollner. Für die Kirchenoberen dieser Länder gilt also erst mal, die Augen zu öffnen. Der Papst trug daher den Chefs der Bischofskonferenzen auf, sich vor dem Gipfel mit Opfern zu treffen.

Dem gegenüber stehen Länder wie Deutschland, die USA oder Irland, wo Missbrauchsskandale schon vor Jahren ans Licht kamen. Selbst wenn es auch dort Widerstände gegen die Aufklärung gibt, die Aufarbeitung hat zumindest begonnen. In Deutschland steht die Kirche besonders unter Druck, haben sich doch viele Gläubige auch wegen des Missbrauchsskandals von ihr abgewendet. Man erwartet sich also mehr als Schuldbekenntnisse, wachsweiche Erklärungen und Buße.

Die Laien-Bewegung Wir sind Kirche und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) fordern eine andere Sexualmoral, die Weihe von Frauen, die Abschaffung des Pflichtzölibats sowie eine echte Gewaltenteilung in der katholischen Kirche. Solange die Struktur besteht, in der männliche Geistliche die Macht auf sich vereinen und in der Kurie (meist ältere) Männer das Sagen haben, darf man nicht auf allzu große Veränderungen hoffen.

«Sexueller Missbrauch ist vor allem auch Missbrauch von Macht», heißt es in einer Studie der Deutschen Bischofskonferenz. Deshalb sollen auf der Konferenz im Vatikan auch strukturelle Probleme des «Systems Kirche» diskutiert werden. Auch Transparenz soll künftig groß geschrieben werden. Höchste Zeit. Der Vatikan veröffentlicht bisher noch nicht mal Zahlen zu Missbrauchsfällen oder Tätern. Und die für Missbrauch zuständige Glaubenskongregation gleicht einem Buch mit sieben Siegeln. Sie hat noch nicht mal eine Pressestelle oder einen aussagekräftigen Internetauftritt.

Auch werden Themen wie der Missbrauch von Ordensfrauen, den der Papst selbst mit seinem Kommentar über «sexuelle Sklaverei» in religiösen Gemeinschaften ans Tageslicht befördert hatte, auf der Konferenz nicht explizit diskutiert. Auch das Tabu-Thema Homosexualität steht nicht auf der Tagesordnung. Die Veröffentlichung eines Buches, das den Vatikan als eine der größten Schwulen-Gemeinschaften der Welt beschreibt, trägt allerdings zu neuen Diskussionen zum Thema bei.

Aber ein Schritt ist besser als kein Schritt. Alle Themen zusammen würden den Rahmen des Treffens sprengen. «Als wäre es möglich, alle Probleme der Kirche in dreieinhalb Tagen zu lösen, als wäre es möglich, das gesamte Leben der Kirche zu ändern», sagte Zollner. Auch der Papst sah sich genötigt, die Erwartungen zu dämpfen. «Das Problem des Missbrauchs wird weiterbestehen», sagte er im Januar.

Für Franziskus geht es um viel mehr. Es geht auch um sein Erbe als Papst: Wird der Argentinier lediglich als der Pontifex der nicht gehaltenen Versprechen in die Geschichte eingehen? Oder als einer, der wirklich durchsetzt, was er ankündigt?

«Für Franziskus ist der Gipfel ein Moment des Kampfes in einer Kirche, wo ein großer Teil der Bischöfe und des Klerus keine grundlegende Änderungen will», sagte der Vatikan-Autor Marco Politi. Der Gipfel sei «für die Endjahre des Pontifikats wichtig». Es bestehe die Gefahr, dass die Konferenz von Franziskus' konservativen Gegnern instrumentalisiert werde. Wenn nach dem Gipfel neue Skandale ans Licht kommen, würden sie nicht die Ortskirche treffen, sondern «direkt die Glaubwürdigkeit des Papstes», so Politi. «Das, was nachher kommt, wird ein Bumerang sein für Franziskus.»

Auch der deutsche Kardinal Walter Kasper sieht diese Gefahr und warnte vor einem «Missbrauch des Missbrauchs». «Es gibt schon Leute, die einfach dieses Pontifikat nicht mögen, und die wollen das so schnell wie möglich beenden», sagte er dem ARD-Magazin «report München». Dreieinhalb Tage werden auch dafür nicht reichen. Aber die Weichen für die Zukunft der Kirche und für die von Franziskus könnten von Donnerstag an durchaus gestellt werden.

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