Drei Tote in Straßenbahn
Schüsse in Utrecht: War es doch ein Familiendrama?

Morgens fallen in einer Straßenbahn in Utrecht plötzlich Schüsse. Drei Menschen kommen ums Leben, fünf werden verletzt. Der Verdächtige ist auf der Flucht. Aber was war sein Motiv?

Montag, 18.03.2019, 17:27 Uhr aktualisiert: 18.03.2019, 17:36 Uhr
Die niederländische Polizei ist schwer bewaffnet vor Ort. Sie fahndet nach einem 37-Jährigen Mann.
Die niederländische Polizei ist schwer bewaffnet vor Ort. Sie fahndet nach einem 37-Jährigen Mann. Foto: Peter Dejong

Utrecht (dpa) - Terroranschlag oder Beziehungstat: Bei einem Angriff in einer Straßenbahn in Utrecht sind am Montagmorgen drei Menschen getötet worden. Fünf weitere wurden nach Polizeiangaben verletzt.

Die niederländische Polizei schloss neben einem terroristischen Motiv auch eine Beziehungstat nicht aus.

Die Polizei fahndet nach einem 37-Jährigen, der in der Türkei geboren sein soll - und auf der Flucht ist. Am Nachmittag gab es für die Bürger der Stadt, die zuvor aufgerufen waren, zuhause zu bleiben, trotzdem eine erste Entwarnung. Sie könnten wieder auf die Straße gehen, teilte die Polizei mit.

Über das Motiv des Täters wurde gerätselt. Zunächst hatte Utrechts Bürgermeister Jan van Zanen in einer Videobotschaft gesagt: «Wir gehen von einem terroristischen Motiv aus.» Der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte sprach von einem «Anschlag». Am Nachmittag sagte dann Polizeisprecher Bernard Jens dem niederländischen NOS Rundfunk: «Es könnte auch sein, dass es eine Beziehungstat ist.»

Von Zeugen gab es unterschiedliche Hinweise zu der Tat. Augenzeuge Daan Molenaar erklärte im NOS Radio, nach seinem Eindruck habe es der Täter gezielt auf eine Frau abgesehen gehabt. Andere Zeugen wollen dagegen gehört haben, dass vier Männer «Allahu Akbar» (Gott ist groß) bei der Tat in der Straßenbahn gerufen hätten, wie die Amsterdamer Zeitung «Het Parrol» berichtete. Eine Sprecherin der Polizei Utrecht sagte dazu der Deutschen Presse-Agentur: «Das können wir nicht bestätigen.»

Nach dem Anschlag hatte die zuständige Behörde bereits die höchste Terrorwarnstufe für die Provinz ausgerufen. In Deutschland verstärkte die Bundespolizei an der Grenze zu den Niederlanden daraufhin ihre Kontrollen an Straßen und in Zügen. Rutte sagte, es werde alles versucht, um den oder die Täter zu fassen. «Wir werden nie vor Intoleranz weichen», sagte der Mitte-Rechts-Politiker. Gewalt habe unschuldige Menschen getroffen. «Ein Terrorakt ist ein Angriff auf unsere Zivilisation.»

Die niederländische Polizei veröffentlichte auch Namen und Foto des verdächtigen Mannes aus der Straßenbahn. Wer den Mann sehe, solle sich ihm nicht nähern, sondern die Polizei rufen. Darüber hinaus entdeckte die Polizei ein nach dem Anschlag gesuchtes, rotes Fahrzeug. Zuvor hatte es geheißen, es würden Berichte geprüft, wonach ein Verdächtiger mit einem roten Auto geflohen sein soll. Am Nachmittag korrigierte die Behörde die Zahl der Verletzten von neun auf fünf.

Aus einer Wohnung sicherte die Polizei Beweismaterial. Bei einem weiteren Einsatz in einem anderen Wohngebäude auf der anderen Seite des Tatorts seien angeblich zwei Menschen festgenommen worden, berichtete ein Reporter eines TV-Senders. Die Polizei sperrte eine Straße ab. Mitglieder einer Anti-Terror-Einheit drangen nach Berichten niederländischer Reporter in eine Wohnung ein. Schüsse seien nicht zu hören gewesen. «Was wir auf jeden Fall wissen, ist, dass ein Täter auf der Flucht ist», sagte Pieter-Jaap Aalbersberg, der nationale Koordinator für Terrorismus-Bekämpfung.

Die genauen Hintergründe des Vorfalls waren zunächst unklar. Laut Polizei wurde nur an einem Ort geschossen. Die Gemeinde Utrecht richtete eine Telefon-Hotline ein.

Nach Angaben der Polizei fielen die Schüsse gegen 10.45 Uhr. Einsatzkräfte seien vor Ort, hieß es, unter anderem seien drei Hubschrauber im Einsatz.

Aus Sicherheitsgründen schloss die Universität ihre Türen. Alle Studenten wurden aufgefordert, in den Uni-Gebäuden zu bleiben. Gleiches galt für alle Schulen und Kitas in Utrecht. Alle Kinder und Mitarbeiter sollten in den Gebäuden bleiben. Die Behörden riefen Eltern dazu auf, ihre Kinder vorerst nicht abzuholen. Im niederländischen Regierungszentrum, dem Binnenhof in Den Haag mit dem Parlament und dem Amtssitz des Ministerpräsidenten, wurde die Polizeipräsenz verstärkt.

Der niederländische Rechtspopulist Geert Wilders geht ebenfalls von einem Terrorakt aus. Wilders sagte im niederländischen Fernsehen, es sehe nach einem «Terroranschlag mit unschuldigen Opfern» aus.

Der Vorfall ereignete sich im Westen der Stadt, etwa ein Kilometer entfernt von der Altstadt. Utrecht liegt etwa 75 Kilometer entfernt von der deutschen Grenze und hat etwa 350 000 Einwohner.

Die Bundespolizei erklärte in Kleve, alle verfügbaren Beamten seien im Einsatz, außerdem verstärkten Beamte der Landespolizei Nordrhein-Westfalen. Schwerpunkt sei die Autobahn 3. Aber auch an anderen Autobahnen, an Bundesstraßen und an kleinen Grenzübergängen ständen Beamte.

 

Utrecht ist die viertgrößte Stadt in den Niederlanden und Hauptstadt der gleichnamigen Provinz. Die Stadt liegt etwa 40 Autominuten südlich von Amsterdam und ist für ihre mittelalterliche Altstadt, die vielen Kanäle sowie ihre Kirchen und Schlösser beliebt bei Touristen. Zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten gehört der Dom mit seinem 112 Meter hohen Turm aus dem 14. Jahrhundert. Vor 2000 Jahren wurde die Stadt von dem Römern als Kastell gegründet. Heute hat Utrecht rund 350 000 Einwohner.

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