Israels Präsident in Berlin
Rivlin und Steinmeier: Erinnerung an Holocaust wach halten

Die Zahl der Holocaust-Überlebenden nimmt altersbedingt stetig ab. Wie kann die Erinnerung erhalten werden? Diese Frage beschäftigt angesichts der Zunahme von Antisemitismus die Präsidenten Israels und Deutschlands. Schulunterricht allein reicht nicht, sagt Steinmeier.

Dienstag, 28.01.2020, 17:25 Uhr aktualisiert: 28.01.2020, 17:28 Uhr
Beim Schulbesuch: Israels Präsident Reuven Rivlin und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im Jüdischen Gymnasium Moses Mendelssohn in Berlin.
Beim Schulbesuch: Israels Präsident Reuven Rivlin und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im Jüdischen Gymnasium Moses Mendelssohn in Berlin. Foto: Kay Nietfeld

Berlin (dpa) - Die Präsidenten Deutschlands und Israels, Frank-Walter Steinmeier und Reuven Rivlin, haben dazu aufgerufen, die Erinnerung an den Holocaust wach zu halten, um eine Wiederholung zu verhindern.

Dazu sollten junge Leute Israel, die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem und ehemalige Konzentrationslager besuchen. «Das ist aus meiner Sicht eine notwendige Ergänzung zur Information und zum Schulunterricht», sagte Steinmeier am Dienstag bei einem gemeinsamen Besuch mit Rivlin im Jüdischen Gymnasium Moses Mendelssohn in Berlin.

«Wir haben jetzt die vierte, fünfte, sechste Generation nach dem Holocaust und dem Zweiten Weltkrieg», sagte Rivlin zu den Schülern. «Wir müssen einen Weg finden, um Euch und Eure Kinder wissen zu lassen, was passiert ist, und zu vermeiden, dass sich dies wiederholt.» Der israelische Präsident warnte, es gebe wieder «Wellen von Antisemitismus, Hass und Rassismus» in der ganzen Welt.

Länder wie Deutschland und Israel müssten bei allen Unterschieden in Fragen der Tagespolitik zeigen, «dass sie auf einer Linie liegen, wenn es darum geht, die Demokratie zu verteidigen, die Menschenrecht zu verteidigen und für die Rechte von Minderheiten zu kämpfen», betonte Steinmeier. «Wir brauchen ein gemeinsames internationales Verständnis von den Grundlagen der Demokratie.» Rivlin sagte über sich und Steinmeier: «Wir teilen dieselben Werte.»

Am Montag hatte sich zum 75. Mal die Befreiung der letzten Überlebenden des Konzentrationslagers Auschwitz im von deutschen Truppen besetzten Polen gejährt. An der Gedenkveranstaltung in Auschwitz nahmen auch Steinmeier und Rivlin teil. Rivlin und seine Delegation flogen anschließend in der Maschine Steinmeiers mit nach Berlin.

Beide Staatsoberhäupter werden an diesem Mittwoch in der Gedenkstunde des Bundestags für die Opfer des Nationalsozialismus jeweils eine Rede halten. Auschwitz gilt weltweit als Symbol für die Judenverfolgung durch die Nationalsozialisten. Allein dort ermordete die SS mindestens 1,1 Millionen Menschen. Europaweit starben im Holocaust etwa 6 Millionen Juden.

Am 8. Mai wird sich zum 75. Mal das Ende des Zweiten Weltkriegs und die Befreiung Deutschlands vom Nationalsozialismus durch die Alliierten 1945 jähren. Der Bundespräsident ordnete für diesen Tag einen Staatsakt in Berlin an. Das sei in Abstimmung mit Kanzlerin Angela Merkel geschehen, sagte eine Sprecherin des Bundespräsidenten in Berlin. An dem Staatsakt wird die gesamte Staatsspitze einschließlich der Präsidenten von Bundestag, Bundesrat und Bundesverfassungsgericht teilnehmen. Zudem wird darüber diskutiert, ob der 8. Mai zu einem bundesweiten gesetzlichen Feiertag erklärt werden soll.

Steinmeier betonte im Jüdischen Gymnasium, Lehrer und Schulen hätten die Verpflichtung, ihre Schüler über den Nationalsozialismus, die Schoah und die Verantwortung dafür zu informieren. «Was mich besorgt, ist, dass sich die Rolle der Schulerziehung ändert, weil der Einfluss der sozialen Medien heute mit der Erziehung in Schulen und Familien konkurriert.»

Der israelische Präsident traf sich am Dienstag in Berlin auch mit der Bundesverteidigungsministerin und CDU-Vorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer. Für den Abend war ein Gespräch mit der Bundeskanzlerin vorgesehen.

Das Jüdische Gymnasium Moses Mendelssohn zählt derzeit 441 Schüler, Tendenz steigend. 60 Prozent von ihnen sind jüdischen Glaubens, 15 Prozent haben eine andere als die deutsche Staatsangehörigkeit. Das Gebäude der 1778 gegründeten Schule wurde von den Nazis zwischen 1942 und 1945 als Deportationslager für die Berliner Juden genutzt. Erst seit 1993 ist es wieder ein jüdisches Gymnasium.

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