Mehrere Insassen geflüchtet
Mehrere Tote bei Aufständen in italienischen Gefängnissen

Die Coronavirus-Krise in Italien erfasst auch Gefängnisse. Die Wut der Insassen über Kontaktverbote bricht sich Bahn. Mit fatalen Folgen.

Montag, 09.03.2020, 17:20 Uhr aktualisiert: 09.03.2020, 17:22 Uhr
Rebellierende Menschen hinter den Fenstern des San-Vittore-Gefängnisses.
Rebellierende Menschen hinter den Fenstern des San-Vittore-Gefängnisses. Foto: Claudio Furlan

Rom (dpa) - Feuer in Zellen, Häftlinge auf den Dächern: In zahlreichen Gefängnissen in Italien ist es inmitten der Coronavirus-Krise zu heftigen Protesten mit mehreren Toten gekommen.

In Modena seien sechs Häftlinge gestorben, mehrere wurden schwer verletzt, sagte am Montag Francesco Basentini von der Gefängnisverwaltung im TV. Laut Medien hätten 50 Gefangene versucht, zu fliehen. Die Gewerkschaft der Gefängnispolizei sprach von Aufständen in 27 Haftanstalten im ganzen Land. Die Häftlinge in Modena starben möglicherweise an einer Überdosis von Medikamenten, die sie beim Sturm auf die Krankenabteilung genommen haben könnten.

Medien zeigten Videos von einem Aufstand in einem Gefängnis in Mailand. Zu sehen ist, wie Häftlinge auf einem Dach stehen und «Freiheit» skandieren. In dem Gebäude brennt es. In der Stadt Foggia sollen mehrere Häftlinge geflüchtet sein. Laut Gesundheitsbehörde der Region Latium gab es auch im großen römischen Gefängnis Rebibbia Aufstände.

Grund für die Proteste seien auch Maßnahmen gegen das Coronavirus, sagte Susanna Marietti von der Organisation Antigone, die sich für die Rechte von Gefangenen einsetzt, der Deutschen Presse-Agentur. Dabei seien Besuche in Gefängnissen sowie sportliche und kulturelle Aktivitäten ausgesetzt worden. «Sie wurden alleine gelassen. Es gab keine Kommunikation über die gesamte Lage. Die Insassen haben nur Fernsehen, um sich zu informieren.» Von einer Haftanstalt im Land in Salerno hätten sich die Proteste dann «wie eine Bombe» fortgesetzt. Die Leute seien wegen des Virus schon draußen in Angst, «man kann sich vorstellen, wie das dann erst drinnen ist».

Italien ist nach China das Land mit den meisten Toten durch die Lungenkrankheit Covid-19. Mehr als 7300 Menschen sind infiziert. Experten gehen von einer großen Dunkelziffer aus. Die Regierung hat daher die Region Lombardei und 14 Provinzen in Norditalien als Sperrzone erklärt.

In einer Mitteilung von Antigone hieß es, in einer solchen Krise, die das Land derzeit wegen der Covid-19-Krankheit durchmache, sei es fundamental wichtig, auch Häftlingen die Situation zu erklären und Kontakte zu ihren Nahestehenden zum Beispiel über Skype zu ermöglichen.

Seit langem kritisieren Gewerkschaften und Verbände schlimme Zustände in oft überfüllten Gefängnissen in Italien. Auch Oppositionschef und Ex-Innenminister Matteo Salvini von der rechten Lega bezog sich am Montag darauf: «Es ist eine tickende Zeitbombe, die nun leider mit dramatischen Folgen explodiert ist.» 

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