Proteste gegen Rassismus
Helden oder Rassisten? USA diskutieren Erinnerungskultur

Für Donald Trump sind sie Helden, für viele Demonstranten ein Symbol des Rassismus: Soldaten und Vertreter der Konföderierten Staaten aus dem amerikanischen Bürgerkrieg. Nicht nur bei ihren Statuen wird jetzt diskutiert: Entfernen oder behalten?

Donnerstag, 11.06.2020, 21:51 Uhr aktualisiert: 11.06.2020, 21:54 Uhr
Nancy Pelosi, die Vorsitzende des US-Abgeordnetenhauses, spricht bei einer Pressekonferenz auf dem Capitol Hill.
Nancy Pelosi, die Vorsitzende des US-Abgeordnetenhauses, spricht bei einer Pressekonferenz auf dem Capitol Hill. Foto: Susan Walsh

Washington (dpa) - Im Zuge der Proteste gegen Rassismus in den Vereinigten Staaten nach dem Tod von George Floyd ist eine Diskussion um die amerikanische Erinnerungskultur entbrannt. Präsident Donald Trump lehnte die Umbenennung von US-Militärstützpunkten mit umstrittenen Namen strikt ab.

Auf Twitter machte Trump am Mittwoch klar, dass unter seiner Präsidentschaft bis zu zehn Militärbasen wie Fort Bragg in North Carolina, Fort Hood in Texas oder Fort Benning in Georgia ihre Namen behalten werden.

In einem weiteren Fall, bei dem ein Afroamerikaner bei einem Polizeieinsatz getötet wurde, soll es nun eine unabhängige Untersuchung geben.

Trump schrieb: «Diese monumentalen und sehr mächtigen Stützpunkte sind Teil eines großartigen amerikanischen Erbes geworden und einer Geschichte des Gewinnens, Sieges und der Freiheit.» Er nannte die Einrichtungen «heilige Stätten», in denen «Helden» ausgebildet worden seien. Am Donnerstag meldete sich der Präsident erneut in Großbuchstaben und ohne weitere Erklärung über Twitter: «Diejenigen, die ihre Geschichte leugnen, sind dazu verdammt, sie zu wiederholen!»

Bei den Stützpunkten geht es um Militärbasen, die nach Führern der Konföderierten Staaten benannt sind. Die Konföderierten hatten im Amerikanischen Bürgerkrieg (1861-1865) gegen den Norden gekämpft und sich gegen die Abschaffung der Sklaverei und gegen mehr Rechte für Schwarze gewehrt.

Die Sprecherin des Repräsentantenhauses, die Demokratin Nancy Pelosi, hat eine ganz andere Sicht auf die Erinnerung an die militärischen Vertreter der Südstaaten. Sie forderte die Entfernung von elf Statuen im Kapitol in Washington, die Soldaten und Vertreter der Konföderierten darstellen. «Ihre Statuen sind eine Hommage an den Hass, nicht an das Erbe», schrieb sie in einem Brief an die zuständige Stelle im Kongress. Der Vorschlag ist nicht ganz neu: Bereits 2017 forderte Pelosi ihre Entfernung.

Der Afroamerikaner George Floyd war am 25. Mai in der Stadt Minneapolis bei einem brutalen Polizeieinsatz getötet worden. Ein weißer Polizist drückte ihm das Knie fast neun Minuten lang in den Nacken, während Floyd am Boden lag. Alle Bitten, ihn atmen zu lassen, ignorierte der Beamte. Der Polizist und drei beteiligte Kollegen wurden aus dem Dienst entlassen, festgenommen und angeklagt. Einer der drei anderen Beamten kam inzwischen gegen Kaution auf freien Fuß.

Die Nachrichten von einer Entfernung oder gar Beschädigung von Denkmälern häuften sich in den USA zuletzt. Der Gouverneur des Bundesstaats Virginia, Ralph Northam, ordnete vergangene Woche den Abtransport einer umstrittenen Statue des Südstaaten-Generals Robert E. Lee in Richmond an. Lee wird von der rechten Szene in den USA als Held verklärt. Denkmäler wie das in Richmond sehen viele US-Amerikaner als Symbole für Rassismus.

In Boston köpften Unbekannte eine Statue von Christopher Kolumbus. Auch in Richmond wurde Medien zufolge ein Kolumbus-Denkmal gestürzt, in Brand gesteckt und in einen See geworfen. Kolumbus war einer der ersten Europäer in der sogenannten Neuen Welt und wird häufig als Entdecker Amerikas bezeichnet. Historiker und Bürgerrechtler kritisieren ihn aber für sein gewalttätiges Verhalten gegenüber den Ureinwohnern Amerikas und dafür, entscheidend zum transatlantischen Sklavenhandel beigetragen zu haben.

Auch im Kultur- und Sportbereich werden Konsequenzen gezogen: So nahm der US-Streaminganbieter HBO den Filmklassiker «Vom Winde verweht» vorerst aus dem Programm, um ihn mit Erklärungen zu dessen rassistischen Vorurteilen und der problematischen Darstellung von Sklaverei zu versehen. Die beliebte Motorsport-Serie Nascar verbot das Zeigen der Kriegsflagge der Konföderierten bei ihren Rennen.

Im nordwestlichen Bundesstaat Washington sorgt derweil ein Fall eines weiteren getöteten Afroamerikaners aus dem März für Aufsehen. Gouverneur Jay Inslee ordnete eine «unabhängige» Untersuchung im Fall des bei einem Polizeieinsatz in Tacoma (Washington) gestorbenen 33-Jährigen Manuel Ellis an. Örtliche Medien berichteten unter Berufung auf einen Autopsiebericht, der Mann sei durch die Einwirkung der Beamten gestorben.

Der Fall erweckte auch wegen einer Parallele zum Tod George Floyds Aufsehen: Auch Ellis soll Berichten zufolge vor seinem Tod «I can't breathe» («Ich kann nicht atmen») gesagt haben.

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