Kindesmissbrauch
Hohe Haftstrafen und Sicherungsverwahrung im Lügde-Prozess

Detmold -

Lange Haft plus Sicherungsverwahrung:  Das Urteil im Missbrauchfall Lügde wird voraussichtlich rechtskräftig. Verteidiger und Staatsanwalt deuteten an, nicht in Revision gehen zu wollen.

Donnerstag, 05.09.2019, 09:15 Uhr aktualisiert: 05.09.2019, 14:30 Uhr
Kindesmissbrauch: Hohe Haftstrafen und Sicherungsverwahrung im Lügde-Prozess
Der Angeklagte Andreas V. wird von einem Justizmitarbeiter in den Saal des Landgerichtes geführt. Links sein Anwalt Johannes Salmen. Foto: dpa

Nach nur zehn Verhandlungstagen hat das Landgericht Detmold am Donnerstag 13 Jahre Haft gegen Andreas V. (56) verhängt und zwölf Jahre gegen Mario S. (34). Nach Verbüßung dieser Strafen sollen die Männer in Sicherungsverwahrung genommen werden, die es in NRW nur in der Justizvollzugsanstalt Werl gibt.  Dort bleiben sie so lange eingesperrt, bis ein  Gutachter ihnen  ihre Ungefährlichkeit bescheinigt.  »Sie werden auf unabsehbare Zeit hinter Gittern bleiben«, sagte die Vorsitzende Richterin Anke Grudda.

»Abscheulich, monströs, widerlich  – diese Worte reichen nicht, um das zu beschreiben, was den Kinder widerfahren ist«, sagte Grudda. Nach zehn Verhandlungstagen bleibe auch beim Gericht   ein Gefühl der Fassungslosigkeit angesichts der vielen Opfer und Taten. Anke Grudda sagte in der Urteilsbegründung: »Wir müsssen es heute einmal klar beim Namen nennen. Wir sprechen von Anal-, Vaginal- und Oralverkehr, und das jüngste Opfer war vier Jahre alt. Manche Kinder waren so klein, dass sie überhaupt nicht realisieren konnten, was ihnen angetan wurde.«

Keine Revision gegen Urteil

Andreas V. wurde unter anderem wegen 285 Missbrauchsfällen verurteilt. 223 dieser Taten wertete das Gericht als schweren Missbrauch, was einer Vergewaltigung entspricht. Allein die heute acht Jahre alte Pflegetochter soll 129 mal Opfer geworden sein, wobei die Nebenklageanwälte das Zehnfache dieser Zahlen für realistisch halten. Das gilt auch für die Opfer von Mario S.. Hier sah das Gericht 147 Taten als bewiesen an, 48 davon als schweren Missbrauch. Das Gesetz sieht als Höchststrafe 15 Jahre vor, doch fordert es, Geständnisse strafmildernd zu werten. Zudem musste die Kammer berücksichtigen, dass die Angeklagten nicht vorbestraft waren.

Jürgen Bogner, der Verteidiger von Mario S., sagte, er werde keine Revision gegen das Urteil einlegen. Anwalt Johannes Salmen erklärte, auch er strebe keine Revision an: »Wenn mein Mandant sie nicht möchte, werde ich ihn nicht dazu drängen. Das klären wir Anfang der Woche.« Oberstaatsanwalt Ralf Vetter ließ ebenfalls erkennen, dass die Staatsanwaltschaft mit dem Urteil zufrieden ist.

Was ist eine Sicherungsverwahrung?

Die sogenannte Sicherungsverwahrung ist laut NRW-Justizministerium rechtlich nicht als Strafe einzuordnen. Ihr Zweck ist es, gefährliche Täter zu bessern und die Allgemeinheit zu schützen. Bei diesen Straftätern bestehe der Hang, erhebliche und für die Allgemeinheit gefährliche Straftaten zu begehen.

Die Sicherungsverwahrung ist grundsätzlich zeitlich nicht begrenzt. Ob sie fortbesteht, wird regelmäßig von einem Gericht geprüft. Eine Sicherungsverwahrung kann unmittelbar im Urteil angeordnet oder auch vorbehalten werden.

Eine Sicherungsverwahrung schließt sich an die Verbüßung einer Freiheitsstrafe an. Nach dem sogenannten „Abstandsgebot“ muss sich der Vollzug der Sicherungsverwahrung deutlich vom Strafvollzug unterscheiden. So ist den „Untergebrachten“ eine individuelle und intensive Betreuung anzubieten, insbesondere eine psychiatrische, psycho- oder sozialtherapeutische Behandlung. Sicherungsverwahrung muss von einer Strafhaft räumlich getrennt vollzogen werden, entweder in einer eigenen Anstalt oder in separaten Abteilungen einer Justizvollzugsanstalt.

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Warnung für alle Täter

NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) sagte: »Die Urteile sind eine Warnung an alle Täter. Besonders die Anordnung der Sicherungsverwahrung.  Solche Täter sind aber eine zu große Bedrohung, als dass man sie nach Verbüßung ihrer Strafe einfach wieder auf freien Fuß lassen könnte.« Reul sagte weiter, er freue sich, dass die gute  Arbeit der Polizei in Bielefeld und der Justiz zu diesem schnellen Urteilen geführt habe. »Meine Lehre aus diesem  Fall  ist, dass wir besser und schneller werden müssen. Das ist das vorrangige Ziel meiner  Amtszeit.«
Auch Johannes-Wilhelm Rörig,  Bundesbeauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, lobte das Urteil.  »Das Landgericht Detmold hat das  Strafmaß weitgehend ausgeschöpft und damit   das Signal gesendet, dass der Rechtsstaat  schwere Verbrechen an Kindern hart bestraft.« Jetzt müsse die Politik  schnell handeln und Strafen für den Besitz  von Kinderpornografie verschärfen. Bisher kämen pädokriminelle Täter teils mit  Geldstrafe davon.

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