Wetter-Spektakel
«Murmeltier-Tag»: Und jährlich grüßt Punxsutawney Phil

Tausende Menschen schauen am 2. Februar auf ein kleines US-Städtchen: Murmeltier Phil sagt dort voraus, ob weiter Winter oder bald Frühling ansteht. Ein Hollywood-Film hat das Spektakel so berühmt gemacht, dass in Punxsutawney nun jeder Tag «Murmeltier-Tag» ist.

Sonntag, 02.02.2020, 16:18 Uhr aktualisiert: 02.02.2020, 16:20 Uhr
Wird Murmeltier Phil seinen Schatten sehen?.
Wird Murmeltier Phil seinen Schatten sehen?. Foto: Christina Horsten

Punxsutawney (dpa) - Schon die Fahrt nach Punxsutawney hat etwas von «Groundhog Day», von «Murmeltier-Tag». Einsame Straßen in hügeliger Landschaft, durch die Luft schwirrende Schneeflocken, Bauernhöfe mit roten Scheunen und hohen Silos, stoppelige Maisfelder.

Und hinter dem nächsten Hügel alles wieder von vorne, ähnlich wie in «Und täglich grüßt das Murmeltier», dem Erfolgsfilm aus dem Jahr 1993, in dem Wetteransager Bill Murray denselben Tag immer wieder neu erlebt.

Und dann grüßt das Murmeltier wirklich - und zwar von allen Seiten. «Willkommen in Punxsutawney, der Wetter-Hauptstadt der Welt», heißt es schon auf dem Ortsschild. Comicartig gezeichnete Murmeltiere mit zwei großen Vorderzähnen grüßen von vielen Wänden, Murmeltier-Statuen stehen vor fast jedem Geschäft und jeder Behörde, verkleidet als Briefträger, Feuerwehrmann oder Freiheitsstatue.

Die Kleinstadt mit rund 6000 Einwohnern - deren Name auf amerikanische Ureinwohner zurückgeht, etwa «Panksetohnie» ausgesprochen und von den Einheimischen liebevoll «Punxsy» abgekürzt wird - ist vor allem, so wie es auf einem Graffiti am Ufer des Flüsschens Mahoning Creek Lake steht, «Heimat des berühmten Murmeltiers».

«Dieses Murmeltier hat uns einen Platz auf der Landkarte beschert», sagt John Griffiths. «Es gibt so viele kleine Städtchen hier im Westen von Pennsylvania, die niemand kennt. Aber uns kennt man auf der ganzen Welt.» Griffiths arbeitet eigentlich in der Erdgas-Industrie, seit rund 13 Jahren ist der 59-Jährige aber vor allem Herrchen von Phil, dem Waldmurmeltier, um das sich in Punxsutawney alles dreht.

Auch am diesjährigen «Groundhog Day» am Sonntag (2. Februar) müssen er und sein Co-Herrchen A.J. Dereume dafür sorgen, dass Phil frühmorgens fit und munter auf einen auf einer Holzbühne aufgebauten Baumstumpf kommt und - über den Präsidenten des Punxsutawney Groundhog Clubs - seine Wetter-Prognose abgibt: Sieht Phil seinen Schatten, dann dauert der Winter noch sechs Wochen an. Sieht er ihn nicht, gibt es einen frühen Frühling.

Meteorologen deuten immer wieder darauf hin, dass Phil bislang nur mit etwa jeder dritten Prognose richtig lag. Und die Tierschutzorganisation Peta fordert gerade in einem Brief, Phil ganz in den Ruhestand zu schicken und durch künstliche Intelligenz zu ersetzen, «die das Wetter wirklich vorhersagen kann».

Aber all das tat dem Wetter-Spektakel, das erstmals 1887 am Gobbler's Knob, einem Waldstück außerhalb von Punxsutawney, gefeiert wurde, bislang keinen Abbruch. Die Tradition geht angeblich auf deutsche und niederländische Einwanderer zurück und wird inzwischen auch an Dutzenden anderen Orten in den USA begangen. Punxsutawney hat sich - auch dank des erfolgreichen Hollywood-Films, der dort spielt, allerdings im Bundesstaat Illinois gedreht wurde - als Zentrum des Murmeltier-Spektakels etabliert.

Inzwischen kommen bis zu 30.000 Zuschauer dafür in die Kleinstadt, es gibt Feuerwerk, die Nationalhymne, Musik und Verköstigung. Tausende weitere Menschen verfolgen Phils Auftritt per Fernseher oder Livestream. Geschäfte in Punxsutawney verkaufen Murmeltier-Souvenirs von T-Shirts über Lätzchen und Stofftiere bis Tassen.

Die Anziehungskraft reiche weit über den «Groundhog Day» hinaus, sagt Ron Ploucha, der früher auch einmal als Herrchen von Phil im Einsatz war und immer noch Mitglied des Groundhog Clubs ist, des wohl wichtigsten Vereins im Ort. «An 365 Tagen im Jahr haben wir hier Touristen. Sie kommen aus der ganzen Welt.»

Auch Phil ist nicht nur am Murmeltier-Tag selbst im Einsatz. «Wir nehmen ihn mit zu Messen und in Schulen, und er war auch schon Star-Gast bei Baseball-Spielen», erzählt Ploucha, 70 Jahre alt und Lehrer im Ruhestand. «Bibliotheken, Altersheime - alles, was man sich so vorstellen kann. Und wenn eine junge Frau aus Punxsutawney zum Beispiel einen Mann aus Boston heiratet, dann schaut Phil natürlich auch bei der Hochzeit vorbei, das ist eine große Sache.»

Wenn das viel beschäftigte Murmeltier mal frei hat, lebt es in einem Gehege im Zentrum von Punxsutawney direkt neben der Stadtbücherei, gemeinsam mit seiner Partnerin Phyllis. Beide schlafen dann viel - Winterschlaf halten sie im Gehege anders als ihre Murmeltier-Kollegen im Wald allerdings keinen.

«Phil's Burrow» (Phil's Bau) steht auf der grünen Markise über einer halbrunden Glasscheibe, durch die Besucher die Murmeltiere beobachten können. Angefasst werden dürfen sie nur von den beiden Herrchen, die sie auch füttern (Grünkohl, Brokkoli, Blumenkohl, Karotten, Süßkartoffeln und Phils Lieblingsessen: Bananen), mit Wasser versorgen, zum Tierarzt bringen und den Bau reinigen.

«Das ist einfach ein Vollzeitjob», sagt Herrchen Griffiths. «Aber man baut auch eine Verbindung zueinander auf. Ich kann ihn auf den Arm nehmen und halten und dann liegt er da meistens ganz ruhig in meinem Arm. Er fühlt sich dann an wie eine große, schwere Plastiktüte voll Wasser, weil sein Körper fast nur aus Fett besteht. Ihn hochzunehmen bleibt allerdings schwierig, denn er ist und bleibt ein wildes Tier, kein Haustier.» Phil hat scharfe Krallen und große Zähne. Dicke schwarze Lederhandschuhe zieht Griffiths an, wenn er das etwa katzengroße braune Tier auf den Arm nimmt. «Und trotzdem passiert so etwas», sagt das Murmeltier-Herrchen und zeigt auf eine Bissspur auf seinem Unterarm.

Phils Alter ist Tabu-Thema in Punxsutawney. Eigentlich werden Waldmurmeltiere nur bis etwa zehn Jahre alt. Phil aber bekomme jedes Jahr ein ganz spezielles Elixier zu trinken, das sein Leben verlängere, sagen die Mitglieder des Groundhog Clubs, die sich am liebsten mit schwarzen Zylindern zeigen, und zwinkern verschwörerisch.

Nicht jeder in Punxsutawney ist Murmeltier-Tag-Fan. «Das ist sehr gemischt», sagt Griffiths. «Ich würde gerne sagen, dass die ganze Stadt voll dabei ist, aber das stimmt so nicht und das ist auch okay.» Die Mitglieder des Groundhog Clubs aber sind das ganze Jahr über intensiv mit der Vorbereitung des Spektakels beschäftigt. «Spätestens im Januar laufen wir komplett auf Autopilot.»

Nervös sei er vor dem großen Tag nicht mehr, sagt das Murmeltier-Herrchen. «Meine einzige Sorge ist immer, dass man das Türchen öffnet und dann ist Phil über Nacht gestorben. Das darf einfach nicht passieren. Aber ansonsten - wir kennen ihn so gut, wir sehen ihn an dem Morgen und erkennen seine Stimmung. Manchmal öffnet man das Türchen und er schläft, an anderen Tagen springt er einen an wie ein Honigdachs.» Und hat Phils Herrchen eine Vorahnung, was sein Murmeltier-Schützling dieses Jahr prognostizieren könnte? «Nein. Aber ich bin immer für einen frühen Frühling.»

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