Pro & Contra
Verkehrssicherheitsrat: Generelles Tempolimit auf Autobahnen

Tempolimit Ja oder Nein? Diese Frage ist in Deutschland seit langem heftig umstritten. Nun bezieht der Verkehrssicherheitsrat Position. Die Debatte dürfte wieder an Fahrt aufnehmen.

Dienstag, 12.05.2020, 12:45 Uhr aktualisiert: 12.05.2020, 21:09 Uhr
Nach langer Diskussion hat sich nun auch der Deutsche Verkehrssicherheitsrat für ein generelles Tempolimit auf Autobahnen ausgesprochen.
Nach langer Diskussion hat sich nun auch der Deutsche Verkehrssicherheitsrat für ein generelles Tempolimit auf Autobahnen ausgesprochen. Foto: Patrick Pleul

Berlin (dpa) - Nach langer Diskussion hat sich nun auch der Deutsche Verkehrssicherheitsrat für ein generelles Tempolimit auf Autobahnen ausgesprochen.

Dadurch könnte die Zahl der Verkehrsopfer sinken, teilte der Verkehrssicherheitsrat (DVR) an diesem Dienstag unter Verweis auf einen Beschluss des Vorstands mit.

Guter Kompromiss oder Schnee von gestern

Der DVR plädiert demnach für ein Tempolimit von 130 Stundenkilometern. Der neuen Positionierung des Vorstands war nach Auskunft einer Sprecherin eine lange und kontroverse Debatte vorausgegangen, die ein Jahr lang dauerte.

Ein generelles Tempolimit in Deutschland ist heftig umstritten, auch in der schwarz-roten Koalition. Für Aufsehen hatte Anfang des Jahres gesorgt, dass der Automobilclub ADAC «nicht mehr grundsätzlich» gegen ein Tempolimit ist.

Nach dpa-Informationen war die Abstimmung im Vorstand des Verkehrssicherheitsrats aber knapp. Für ein generelles Tempolimit stimmten demnach 10 Mitglieder, dagegen vier, es gab 11 Enthaltungen. Im Vorstand des Verkehrssicherheitsrats sind Vertreter von Unfallversicherungen, Verkehrsverbänden, Automobilclubs, vom TÜV-Verband, aber auch der Automobilindustrie. Der Verband der Automobilindustrie lehnt ein Tempolimit ab.

DVR-Präsident Walter Eichendorf erklärte, es sei Aufgabe des Verkehrssicherheitsrats, sich für all die Maßnahmen einzusetzen, die Verkehrsunfälle mit Getöteten und Verletzten verhinderten. Dazu zähle auch das generelle Tempolimit auf Bundesautobahnen. Eichendorf war früher stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung.

Die Forderung eines Tempolimits ist laut Organisation Bestandteil eines umfassenden Gesamtpapiers für mehr Sicherheit auf Autobahnen. Geschwindigkeit spiele eine besondere Rolle bei Unfällen. Sie wirke sich entscheidend auf die Strecke aus, die ein Fahrzeug in der Reaktionszeit im Hinblick auf ein kritisches Ereignis, beispielsweise eine Kollision, zurücklege. Zudem führe eine geringere Geschwindigkeit bei gleicher Reaktionszeit zu einem kürzeren Anhalteweg und zu Unfällen mit weniger dramatischen Folgen.

Der Verkehrssicherheitsrat spricht sich außerdem dafür aus, verstärkt Instrumente für eine intelligente Verkehrsbeeinflussung auf Autobahnen einzusetzen, um die Sicherheit zu erhöhen. Außerdem müss es möglich sein, die zulässige Höchstgeschwindigkeit in Ausnahmefällen mit besonderer Begründung anheben zu können.

Der Deutsche Verkehrssicherheitsrat hat nach eigener Auskunft mehr als 200 Mitgliedsorganisationen. Dazu gehören die für Verkehr zuständigen Ministerien von Bund und allen Bundesländern, die gesetzlichen Unfallversicherungsträger, die Deutsche Verkehrswacht sowie Automobilclubs.

Pro & Contra

Pro: Ein Tempolimit ist vernünftig

Entspannter, sauberer, sicherer – so fährt es sich mit dem Tempo­limit. Sauberer, weil ohne Zusatzkosten eine Million Tonnen CO₂ weniger ausgestoßen würden. Sicherer, weil Jahr für Jahr 80 Unfalltote vermieden würden, wie Versicherer errechnet haben. Und entspannter wäre es, weil die Tempounterschiede zwischen den Autos geringer wären. Das bedeutet: Weniger Ärger mit Schleichern vorm Kühler oder Dränglern im Spiegel – je nach Perspektive.
Endlich scheinen sich die Argumente für Tempo 130 beim Verkehrssicherheitsrat (DVR) durchzusetzen. Positiv ist auch dessen Pochen auf intelligente Verkehrsbeeinflussung. Nur: Bislang gilt – von Baustellen abgesehen – auf zwei Dritteln der Autobahnen kein Limit. Und im dicht befahrenen NRW machen sich die teuren Verkehrslenkungsanlagen bezahlt, aber auf dem letzten Kilometer des leeren „Ostfriesenspießes“? Da ist es sinnvoll, dass der DVR ersatzweise Ausnahmen vom strengen Limit 130 zulassen will – wo dies gut begründet ist. (Martin Ellerich)

Contra: Ein starres Limit ist antiquiert

Es gibt kaum ein ­­­­­­Dau­erbrennerthema, das so leidenschaftlich diskutiert wird wie ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen. Leider sind die Argumente pro Beschränkung vielfach genauso überholt wie der dumme Satz von der freien Fahrt für freie Bürger.
Fakt ist: Es gibt auf deutschen Au­to­bahnen kaum unlimitierte Abschnitte. Bezogen auf alle Straßen sind es nur zwei (!) Prozent. Hinzu kommt zweitens: Im Europavergleich ereignen sich auf deutschen Autobahnen die wenigsten tödlichen Unfälle.
Drittens: Wer in einem Transitland wie dem unseren ei­nen gleichmäßiger fließenden Verkehr auf den Autobahnen erreichen will, muss keine Tempo-130-Schilder aufstellen, sondern ein Überholverbot für Lkw erlassen.
Vor allem aber gibt es längst Steuerungsmöglichkeiten, die intelligenter sind als starre Gebote: Signalbrücken, die Tempo 80, Tempo 130 oder eben freie Fahrt vorgeben, je nach Sicherheits-, Abgas- oder Lärmlage. (Elmar Ries)

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