Flucht bei Polizeikontrolle
Verfolgungsfahrt: Gefährliche polizeiliche Aufgabe

Verfolgungsfahrten gehören zu den brisantesten Einsätzen der Polizei. Auch für Unbeteiligte kann es gefährlich werden. Die Beamten müssen rasch entscheiden: Verdächtige verfolgen oder ziehen lassen?

Mittwoch, 02.09.2020, 10:51 Uhr
Zu Lichtspuren verwischt sind die Fahrzeuge auf der Autobahn A661. Bei einer Polizeikontrolle gibt ein Autofahrer Gas und rast davon - die Beamten müssen nachsetzen.
Zu Lichtspuren verwischt sind die Fahrzeuge auf der Autobahn A661. Bei einer Polizeikontrolle gibt ein Autofahrer Gas und rast davon - die Beamten müssen nachsetzen. Foto: Frank Rumpenhorst

Frankfurt/Main (dpa) - Bei einer Polizeikontrolle gibt ein Autofahrer Gas und rast davon - die Beamten müssen nachsetzen. Manche dieser Verfolgungsfahrten in Deutschland muten an wie Szenen aus einem Actionfilm.

Die Flüchtenden brettern teilweise mit Geschwindigkeiten von 200 Kilometern pro Stunde und mehr über die Autobahn, ignorieren Verkehrsschilder und lassen sich auch in Fußgängerzonen nicht stoppen.

«Die Verfolgungsfahrt gehört zu den gefährlichsten polizeilichen Aufgaben», sagt Thomas Mosbacher, Polizei-Experte für Verkehrsprävention, im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. «Weil wir in dem Moment nicht wissen, mit wem wir es zu tun haben: Was sind die Beweggründe zu fliehen, alle Verkehrsregeln zu missachten und sich und andere zu gefährden?»

Häufig könne man über die Motive nur spekulieren. Oftmals gehe es um Fälle, bei denen Fahrer wegen Drogen- und Alkoholkonsums oder vorheriger Verkehrsdelikte vor einer Kontrolle fliehen, um nicht aufzufliegen. Oder Straftäter geben Gas, weil sie sich ertappt fühlen, erläutert Mosbacher, der bei der Zentralstelle für Kriminal- und Verkehrsprävention beim Hessischen Landeskriminalamt (LKA) arbeitet.

So geschehen vor einigen Wochen auf der Autobahn: Mit einem im osthessischen Fulda gestohlenen Auto liefert sich ein Mann eine Verfolgungsjagd mit der Polizei, die erst in Sachsen endet. Der 24-Jährige rast auf der A4 Erfurt-Görlitz Richtung Osten davon. Beamte kreisen den Mann schließlich mit drei Autos ein. Er gibt dennoch Gas, springt aus dem fahrenden Wagen und rennt in ein Maisfeld. Das Fahrzeug prallt gegen einen Streifenwagen, der daraufhin umkippt. Dessen Fahrer wird leicht verletzt, ebenso der mutmaßliche Autodieb.

Unbeteiligte Fußgänger gerieten vor wenigen Monaten in Darmstadt in Gefahr: Als Polizisten einen Autofahrer kontrollieren wollen, drückt dieser aufs Gaspedal. Von einem Streifenwagen verfolgt, sei der Mann schließlich viel zu schnell durch eine Spielstraße gefahren, so dass zwei Fußgänger zur Seite springen mussten, berichtete die Polizei später.

Eine Flucht sei in der Regel keine geplante Aktion, sagt Ulrich Chiellino, Verkehrspsychologe beim Autoclub ADAC. Grundsätzlich könne eine Kurzschlusshandlung nicht ausgeschlossen werden - aber die Frage sei, wie es dazu komme. «Das schlechte Gewissen fährt ständig mit. Wenn ich von der Polizei angehalten werde, rattert es natürlich sofort im Kopf: Habe ich unbemerkt gegen eine Regel verstoßen? Habe ich den Fahrzeugschein dabei?» Das allein begründe aber keine Kurzschlussreaktion.

«Ich gehe stark davon aus, dass die Personen, die dann aufs Gas drücken und sich der Kontrolle entziehen wollen, sehr wohl wissen, dass es nicht nur um den Fahrzeugschein geht, sondern viel mehr auf dem Spiel steht», sagt ADAC-Experte Chiellino. Er nennt als Beispiel den Konsum von Rauschmitteln. Die sorgten für eine Enthemmung und eine veränderte Risikoeinschätzung.

«Man kommt in die Situation rein, und dann ist es in der Tat eine Kurzschlusshandlung, in der auch erstmal kein Ausweg erkennbar ist», so Chiellino. «Der letzte Ausweg ist dann: Ich muss raus aus dieser Situation. Diese muss als so bedrohlich wahrgenommen werden, dass das, was danach kommt, nicht schlimmer sein kann.»

Wie oft Verfolgungsfahrten vorkommen - an deren Ende dann auch strafrechtliche Ermittlungen stehen können - ist unklar. «Es kann durchaus sein, dass zumindest die spektakulären Fälle zugenommen haben», sagt LKA-Fachmann Mosbacher. «Das mag dazu führen, dass man den Eindruck gewinnt, Verfolgungsfahrten haben generell zugenommen. Aber statistisch können wir das nicht belegen - es gibt keine gesonderten Zahlen dazu.»

Ganz klar ist jedoch: Verfolgungsfahrten sind ein riskantes Unterfangen, für die Flüchtenden ebenso wie für die Polizei - oder unbeteiligte Dritte. Im August 2019 etwa kam es in Braunschweig zu einem tödlichen Unfall: Auf der Flucht vor einer Polizeikontrolle kracht ein Mann in zwei an einer Ampel wartende Wagen, ein 33 Jahre alter Autofahrer stirbt. Dem Unfall ging eine kilometerlange Verfolgungsfahrt über die Autobahn voraus, teilweise mit Tempo 240. Der Flüchtende wurde später unter anderem wegen fahrlässiger Tötung zu sieben Jahren Haft verurteilt.

Für die Polizei gibt es Leitlinien, wie sie sich bei einer Verfolgungsfahrt zu verhalten hat. Diese seien danach ausgerichtet, «möglichst schadlos diesen Einsatz durchzuführen», erklärt Mosbacher. «Beispielsweise indem sofort die Leitstelle informiert wird, damit taktische Maßnahmen ergriffen werden können, um erst gar nicht in den Hochgeschwindigkeitsbereich zu gelangen.» Es werden dann etwa Kräfte hinzugezogen, die für eine Straßensperrung oder einen Engpass sorgen, oder ein Polizeihubschrauber steigt auf.

Es müsse immer auch die Verhältnismäßigkeit beachtet werden, betont der Polizeiexperte. Das könne dann dazu führen, dass die Beamten eine Verfolgung abbrechen. «Weil das mutmaßliche Delikt, um das es geht, nicht in Relation steht zu der Gefahr für Leib und Leben.»

© dpa-infocom, dpa:200902-99-397490/3

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