Gefangen auf der Autobahn
Das Extrem-Winterwetter hält an

Hunderte müssen bei Eiseskälte in ihren Fahrzeugen übernachten, weil auf der A2 nichts mehr vorwärts und rückwärts geht. Auch andernorts lähmen Schnee und Eis weiterhin den Straßen- und Schienenverkehr. Und in Nürnberg brennt ausgerechnet ein Fernwärme-Kraftwerk.

Dienstag, 09.02.2021, 20:17 Uhr aktualisiert: 09.02.2021, 20:20 Uhr
Dichtes Schneetreiben auf der L309 in der Nähe von Neustadt in Schleswig-Holstein.
Dichtes Schneetreiben auf der L309 in der Nähe von Neustadt in Schleswig-Holstein. Foto: Bodo Marks

Berlin (dpa) - Extremes Winterwetter mit Schnee und Eis beherrscht auch nach Tagen noch große Teile Deutschlands. Auf Straßen und Schienen kam es am Dienstag erneut zu Stillstand.

Auf der A2 bei Bielefeld steckten Hunderte Auto- und Lkw-Fahrer sogar die ganze Nacht im Schnee fest und mussten bei klirrender Kälte viele Stunden lang in ihren Fahrzeugen ausharren. Bei der Bahn blieb der Fernverkehr auf einigen Strecken komplett eingestellt - etwa in Schleswig-Holstein, wo der Deutsche Wetterdienst (DWD) für einige Regionen an der stürmischen Ostsee vor Schneeverwehungen warnte.

In Bayern rief die Stadt Nürnberg den Katastrophenfall aus, nachdem es ausgerechnet bei den derzeitigen Minusgraden zu einem Brand in einem Großkraftwerk gekommen war, was die Belieferung von etwa 15.000 Menschen mit Fernwärme beeinträchtigte. In Sachsen-Anhalt wurde ein Mann leblos neben seinem Traktor im Schnee gefunden. Die Ermittler gehen davon aus, dass der 69-Jährige am Montag erfroren ist, wie die Polizei am Dienstag mitteilte. Hilfsorganisationen in Deutschland wiesen derweil auf die lebensbedrohliche Lage von Obdachlosen hin, deren Versorgung wegen der Corona-Pandemie ohnehin erschwert sei.

Bereits seit dem Wochenende lähmen Schnee und Eis weite Teile Deutschlands. Zwar soll es nun insgesamt weniger schneien, die Temperaturen bleiben aber im Eiskeller. «Hoch «Gisela» sorgt mit einer nordöstlichen bis östlichen Strömung auch in den nächsten Tagen für verbreitet frostige Temperaturen tagsüber und nachts für strenge, über Schnee bei Aufklaren auch sehr strenge Fröste um minus 20 Grad», erläuterte DWD-Meteorologe Jens Bonewitz. Von Donnerstag an werde sich - anders als bisher - auch im Süden Deutschlands die Kaltluft komplett durchsetzen.

Besonders heftig war in der Nacht auf Dienstag die Lage auf der A2 bei Bielefeld und somit auf einer der wichtigsten Ost-West-Autobahnen Deutschlands. Einige Fahrer und Mitfahrer saßen sogar seit Montagnachmittag in ihren Fahrzeugen fest. Helfer verteilten Essen und Getränke. Der Verkehr auf der zwischenzeitlich in beiden Fahrtrichtungen gesperrten Autobahn staute sich auf Dutzenden Kilometern. Aus Sicht der Autobahn GmbH Westfalen hatten Lastwagenfahrer das nächtliche Schneechaos auf der A2 maßgeblich mitverursacht, indem sie sich nicht an das verhängte Fahrverbot gehalten hätten. Auch auf anderen Autobahnen wie der A4 in Osthessen kam es zu erheblichen Verkehrsbehinderungen.

Die Bielefelder Polizei warnte auch für die Nacht zum Mittwoch vor der Nutzung der A2. «Die Fahrbahndecke ist noch immer in weiten Teilen schneebedeckt und vereist. Durch die niedrigen Temperaturen ist der Einsatz und die Wirkung von Streumitteln eingeschränkt», hieß es in einer Polizeimitteilung. Es bestehe weiterhin die Gefahr, dass der Verkehr streckenweise witterungsbedingt zum Erliegen kommen könnte.

Allein im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen zählte die Polizei binnen 24 Stunden rund 900 wetterbedingte Einsätze. Von Montag- bis Dienstagmorgen (jeweils 6 Uhr) rückte sie landesweit zu rund 800 Unfällen auf verschneiten und glatten Straßen aus.

Die Deutsche Bahn arbeitete daran, nach und nach wieder ihre Züge losschicken zu können. So rollten wieder Bahnen auf der wichtigen Ost-West-Verbindung zwischen Berlin über Hannover ins Ruhrgebiet, wie das Unternehmen am Dienstagnachmittag berichtete. «Allerdings ist weiterhin mit Einschränkungen und Verspätungen zu rechnen», hieß es. Die Bahn habe ihre Kulanzregelungen für Reisende «nochmals ausgeweitet».

Auf einigen Verbindungen ging weiterhin nichts. Von Dresden aus fuhren am Dienstag bis auf weiteres keine Fernverkehrszüge in Richtung Leipzig, Frankfurt, Hannover und Köln, wie es im Internetauftritt der Bahn hieß. Auch zwischen Hamburg und Kiel, zwischen Hamburg und Lübeck sowie zwischen Hamburg und Westerland auf Sylt rollten demnach keine Fernzüge.

Für die Ostsee sagten die DWD-Meteorologen am Dienstag teils starken Schneefall mit Schneeverwehungen voraus. Für Ostholstein galten deswegen amtliche Unwetterwarnungen. An den Küsten sei es windig bis stürmisch. Das führte jedoch auch zu sehenswerten Naturschauspielen: So formten sich an Seebrücken auf der Insel Rügen (Mecklenburg-Vorpommern) bizarre Eisskulpturen.

Vielerorts genossen Kinder, Jugendliche und Erwachsene die Vorzüge der seltenen Schneemassen. In manchen Innenstädten hieß es: Ski und Rodel gut! Das galt selbst an den berühmten langen Domstufen in Erfurt, die zum Rodelhügel wurden. Behörden in etlichen Regionen warnten eindringlich davor, zugefrorene Gewässer zu betreten. Die Eisflächen könnten trügerisch sein, es bestehe Lebensgefahr durch Einbrechen und Ertrinken.

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer rechnet weiter mit Beeinträchtigungen durch das extreme Winterwetter. Der CSU-Politiker sagte am Dienstag der Deutschen Presse-Agentur: «In vielen Regionen Deutschlands beginnt die Lage sich allmählich zu beruhigen. Bis alles wieder seinen gewohnten Gang geht, kann es aber noch etwas dauern. Strecken- und gebietsweise bleiben Beeinträchtigungen.» Deshalb werde es selbst bei nachlassendem Schneefall noch ein paar Tage ruckeln. «Der Schnee geht, der Frost bleibt. Darauf sollten sich alle einstellen.» Per Videobotschaft auf Twitter bedankte sich der Minister bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Bahn für deren Einsatz, damit der Güter- und Personenverkehr wieder ins Rollen kommt.

Eingeschränkt war weiterhin auch der Nahverkehr. In mehreren von Schnee und Eis besonders betroffenen Städten rückten die Busse auch am Dienstag nicht aus.

Und auch die Binnenschiffahrt ist betroffen: Von Mittwochabend an werde der Mittellandkanal und der Elbe-Seitenkanal gesperrt, wie das zuständige Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt am Dienstag in Braunschweig mitteilte. Der Mittellandkanal ist mit gut 320 Kilometern die längste künstliche Wasserstraße in Deutschland.

In Nürnberg fiel bei eisigen Temperaturen ein Großkraftwerk nach einem Brand aus. Die Wärmeversorgung sei aber stabil, teilte die Stadtverwaltung am Abend mit. «Es wird nach jetzigem Stand eine etwas kältere Nacht sein, aber keine frierende Nacht», sagte ein Sprecher des Energieversorgers N-Ergie. Demnach reicht die Leistung auch für die kältesten Stunden der Nacht zwischen vier und sechs Uhr morgens aus, für die frostige Minusgrade erwartet werden.

Unterdessen verstärkten Hilfsorganisationen ihren Einsatz für Obdachlose und versorgten sie vielerorts mit warmem Essen, Getränken, Kleidung, Schlafsachen und Hygieneartikeln. Die Coronavirus-Pandemie verschärft die Situation der Bedürftigen zusätzlich, wie es etwa von der Diakonie hieß, dem Wohlfahrtsverband der evangelischen Kirchen. «Aus Hygienegründen können die Einrichtungen nicht so belegt werden wie in den Zeiten vor Corona - wir wissen von Fällen, in denen Betroffene Notunterkünfte aus Angst vor einer Corona-Ansteckung meiden», erklärte Sandra Schuhmann, Vorständin beim Diakonischen Werk Bayern. Die Diakonie forderte die Kommunen auf, Notunterkünfte durchgehend zu öffnen und auch andere Gebäude wie Turnhallen oder leerstehende Hotels zu nutzen.

© dpa-infocom, dpa:210209-99-358772/12

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