Großer Testlauf in Hessen
Volksbank und Sparkasse: Noch 2019 erste gemeinsame Filialen

In Hessen entsteht Deutschlands erste «Volks-Sparkasse» in großem Stil: Mit gemeinsamen Filialen reagieren Frankfurter Volksbank und Taunus Sparkasse auf den Kostendruck. Ein Modell für die gesamte Branche?

Dienstag, 03.09.2019, 11:58 Uhr aktualisiert: 03.09.2019, 12:17 Uhr
Filialen der Volksbank und der Sparkasse.
Filialen der Volksbank und der Sparkasse. Foto: Peter Endig

Frankfurt/Sulzbach (dpa) - Die Frankfurter Volksbank und die Taunus Sparkasse drücken bei ihrer bundesweit einmaligen flächendeckenden Zusammenarbeit aufs Tempo. Noch in diesem Jahr wollen die Partner in Hessen zehn gemeinsame Filialen eröffnen.

Weitere 16 solcher «Finanzpunkte» im Hochtaunuskreis und im Main-Taunus-Kreis sollen bis spätestens Ende 2021 folgen, wie die beiden Institute am Dienstag mitteilten.

«Erstmalig haben mit unseren beiden Instituten eine Sparkasse und eine Volksbank eine flächendeckende Kooperation vereinbart - über alle Grenzen der tradierten Säulen des Bankwesens hinweg», sagte die Vorstandsvorsitzende der zweitgrößten Volksbank Deutschlands, Eva Wunsch-Weber, bei der Vorstellung des Konzepts am Dienstag in Sulzbach im Taunus. «Wir nutzen gemeinsame Räumlichkeiten, bleiben dabei aber selbstverständlich Wettbewerber.»

Rote oder blaue Beleuchtung

An 17 der 26 Standorte wollen die beiden Institute künftig an jeweils unterschiedlichen, aber festen Tagen in der Woche Service- und Beratungsleistungen anbieten. Im Regelfall sollen an zwei Tagen Volksbank-Mitarbeiter und an zwei anderen Tagen Sparkassen-Mitarbeiter in der Filiale sein. Die Kunden sollen anhand unterschiedlicher Beleuchtung - mal rot für die Sparkasse, mal blau für die Volksbank - erkennen können, welches Institut gerade vertreten ist. An neun Standorten sind gemeinsame Selbstbedienungsstellen geplant.

Dass Geldhäuser aus unterschiedlichen Lagern in so großem Stil so eng zusammenarbeiten, ist ein Novum. Kleinere Kooperationen gibt es bereits: So teilen sich in ländlichen Regionen Institute mitunter einen Geldautomaten, um die Bargeldversorgung sicherzustellen.

«Wir haben einen klaren Kundenauftrag», begründete der Vorstandsvorsitzende der Taunus Sparkasse, Oliver Klink, die Initiative. «Viele Stammkunden kommen regelmäßig in die Filiale. Aber ein immer größerer Anteil unserer Kunden kommt nicht so oft in die Filiale, sagt uns aber: Wir wollen, dass Ihr da seid, wenn ich Euch brauche.»

Klink betonte: «Wir werden auch weiterhin zusehen, dass wir an den gemeinsamen Standorten unser jeweiliges Geschäft nach vorne bringen. Wir stärken aber das Prinzip der Geschäftsstelle. Das wollten wir auch im 21. Jahrhundert nicht kampflos aufgeben und deshalb gehen wir diesen unorthodoxen Weg.»

Teure Filiale: Wie Banken ihre Kunden versorgen

Die ganze Branche experimentiert seit Jahren, wie sie ihre Kunden in der Fläche beraten kann - und gleichzeitig die Kosten im Griff behält. Ein Überblick:

- ABGESPECKTE FILIALE: Die Postbank hat zwar noch etwa 850 eigene Filialen, doch in größerem Umfang setzt das zum Deutsche-Bank-Konzern gehörende Bonner Institut auf die Zusammenarbeit mit der früheren Konzernmutter Deutsche Post: In etwa 4000 Partnerfilialen der Post können Postbank-Kunden zum Beispiel Geld von ihrem Postbank-Konto abheben oder Geld einzahlen.Die Commerzbank mit ihrem derzeit noch vergleichsweise engmaschigen Filialnetz mit etwa 1000 Standorten experimentiert seit einiger Zeit mit sogenannten City-Filialen. In diesen kleinen Filialen werden Basisdienstleistungen angeboten: Kunden können Konten eröffnen, Ratenkredite beantragen oder Überweisungen und Adressänderungen persönlich veranlassen. Für Beratung in komplexeren Fällen gibt es größere Niederlassungen, sogenannte Flagship-Filialen.

- MOBILE FILIALE: Ob in Brandenburg, Sachsen-Anhalt oder in Rheinland-Pfalz - in manchem Dorf gibt es nicht einmal mehr einen Geldautomaten. Darum tourt manche Sparkasse mit dem Bus über Land. Gerade die ältere Kundschaft nutzt diesen Service, um Geld abzuheben oder Überweisungen zu erledigen. Mitunter schicken Institute ihren Kunden auch ein Bargeldtaxi nach Hause.

- WENIGER FILIALEN: Seit Jahren schrumpft die Zahl der Bankfilialen in Deutschland. Im vergangenen Jahr verringerte sich die Zahl der Zweigstellen über den gesamten deutschen Markt hinweg um 2239 auf 27 887 Filialen. Im Jahr 2007 waren es noch rund 40 000. Nicht nur bei Volksbanken und Sparkassen, auch bei großen Privatbanken wie Deutscher Bank und Commerzbank steht das Filialnetz permanent auf dem Prüfstand. Die Deutsche Bank beispielsweise hat die Zahl eigener Filialen in den vergangenen Jahren um 188 auf 535 verringert. Und weitere Kürzungen schließt niemand in der Branche aus.

- KEINE FILIALEN: „Die Filiale ist eine Last und nicht eine Lust“, befand der damalige Chef der Direktbank ING-Diba, Roland Boekhout, Anfang Februar 2017. Das Institut, das inzwischen auch in Deutschland nur noch unter dem Namen der niederländischen Konzernmutter ING aktiv ist, verzichtet ganz auf Filialen. Das Institut sieht sich durch die wachsende Zahl an Privatkunden bestätigt. Nach jüngsten Zahlen hat die ING in Deutschland und Österreich 9,5 Millionen Privatkunden.

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«In keiner Form ein Testlauf für eine Fusion»

Ist das nun der erste Schritt in Richtung eines Zusammenschlusses? Nein, betonen die beiden Vorstandsvorsitzenden - und verweisen unter anderem auf hohe rechtlichen Hürden. «Wir fühlen uns wohl in den jeweiligen Verbünden. Diese Kooperation ist in keiner Form ein Testlauf für eine Fusion», sagte Klink.

In den kommenden drei Jahren wollen die beiden Geldhäuser zu gleichen Teilen insgesamt fünf Millionen Euro in das Projekt investieren. Im Gegenzug sparen die Institute jeweils jährlich Kosten in einstelliger Millionenhöhe.

Die beiden Vorstandschefs versicherten jedoch, es handele sich nicht um ein Sparprogramm. «Wir bauen im Zuge dieser Kooperation kein Personal ab», sagte Wunsch-Weber. «Natürlich benötigen wir in den gemeinsamen Filialen weniger Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als vorher. Die übrigen Kolleginnen und Kollegen werden dauerhaft in anderen Zweigstellen in der Region eingesetzt.» Auch das Filialnetz werde nicht ausgedünnt - im Gegenteil: «Jeder Partner wird künftig an vier zusätzlichen Standorten vertreten sein», sagte Wunsch-Weber.

Modell könnte Schule machen

Weitere Sparkassen oder Volksbanken als Partner können sich die beiden Vorstandsvorsitzenden gut vorstellen. In der Tat könnte das Modell Schule machen. Denn die gesamte Branche müht sich, den Spagat zwischen digitalen Angeboten und der Präsenz in der Fläche zu schaffen. Viele Kunden erledigen Bankgeschäfte fast nur noch zu Hause am Computer oder per App auf dem Smartphone. Seit Jahren schrumpft die Zahl der Filialen, denn das dichte Netz kostet die Institute eine Menge Geld. Das Zinstief erhöht den Kostendruck.

Wunsch-Weber und Klink versicherten, durch die strikt getrennte zeitliche Präsenz der Bankberater in den gemeinsamen Filialen sei sichergestellt, dass Bankgeheimnis und Datenschutz gewährleistet werden. Zudem sorge eine «komplett getrennte IT-Infrastruktur» für den Schutz von Kundendaten.

Das Geschäftsgebiet der Frankfurter Volksbank erstreckt sich fast auf die gesamte Region um Frankfurt. Das Institut mit etwa 600 000 Privatkunden hat 94 Präsenzfilialen und 69 Selbstbedienungs-Standorte (SB), künftig werden es 95 Präsenzfilialen und 72 SB-Standorte sein. Die Taunus-Sparkasse mit 166 000 Kunden betreibt aktuell 45 Filialen und 25 SB-Stellen. Sie bietet künftig in 43 Zweigstellen mit Personal ihre Dienste an und betreibt zudem 31 SB-Standorte.

 

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