Bye, bye Tegel
Der Flughafen in Berlins Nordwesten macht dicht

Die letzte Maschine am Flughafen Tegel soll am 8. November Richtung Paris abheben. War's das dann? Nicht ganz: Für das Flughafengelände gibt es längst Pläne.

Donnerstag, 08.10.2020, 12:38 Uhr aktualisiert: 08.10.2020, 12:42 Uhr
Blick auf den Flughafen "Otto Lilienthal" in Tegel.
Blick auf den Flughafen "Otto Lilienthal" in Tegel. Foto: Carsten Koall

Berlin (dpa) - Wer die Reichstagskuppel besucht, kann dort regelmäßig die Maschinen beobachten, die von Tegel aus in den Himmel über Berlin starten. So manchen stimmen solche Szenen inzwischen nostalgisch.

Denn wenn der Hauptstadtflughafen BER Ende Oktober wie geplant eröffnet wird, muss der alte Flughafen Tegel schließen. Dass er überhaupt noch in Betrieb ist, liegt nur an der beispiellosen Pannenserie beim BER-Bau, die dazu geführt hat, dass der neue Airport im brandenburgischen Schönefeld mit neun Jahren Verspätung an den Start geht.

Viele Berlinerinnen und Berliner waren in der Zwischenzeit heilfroh, weiter mit Bordkarten reisen zu können, auf denen der vertraute Flughafencode TXL zu lesen war. Manche halten den Flughafen im Nordwesten Berlins sogar weiterhin für unverzichtbar, auch wenn er längst aus allen Nähten platzt. Ähnlich wie der Flughafen München-Riem, der bereits 1992 geschlossen wurde, heute Standort der Neuen Messe München.

Als in Tegel 1948 kurz nach Beginn der Berlin-Blockade in heute schwer zu glaubenden 90 Tagen ein Flugplatz gebaut wurde, war nicht abzusehen, dass er für die Menschen im West-Teil der Stadt zum Tor zur Welt würde. Die erste Linienmaschine landete erst im Januar 1960.

Die Flughafen-Architektur, die die Berliner heute kennen, ist ein Entwurf der Architekten Meinhard von Gerkan und Volkwin Marg. Beim Wettbewerb für Tegel punkteten sie mit ihrem ungewöhnlichen, als Sechseck konzipierten Terminal. Baustart war 1970, Einweihung vier Jahre später. Seitdem ist die Zahl der Fluggäste bis zum Einbruch in der Corona-Krise fast kontinuierlich gestiegen und hat Dimensionen erreicht, die zu Baubeginn kaum vorstellbar waren: Rund 24 Millionen waren es im vergangenen Jahr.

Ob die britische Königin Queen Elizabeth II., Staatsmänner wie Barack Obama oder Wladmimir Putin, Stars wie Marlene Dietrich oder Renée Zellweger, für ihre Berlin-Besuche schwebten sie in Tegel ein. Genau wie Nationalmannschaftskapitän Philipp Lahm, der mit dem goldglänzenden Pokal in der Hand nach dem Sieg bei der Fußball-Weltmeisterschaft im Juli 2014 in Brasilien aus der Maschine stieg.

«Das war für viele Fans in Deutschland, auch für mich persönlich, ein sehr emotionaler Moment», gestand der Chef der Flughafen Berlin Brandenburg GmbH, Engelbert Lütke Daldrup, kürzlich vor Journalisten. Und solche emotionale Erinnerungen an den Flughafen Tegel gebe es viele. «Aber Tegel ist viel zu klein geworden und entspricht nicht mehr den Standards eines modernen Flughafens», sagte er. «Wer mal mit 1500 Personen im Terminal C morgens um sechs an der Security angestanden hat, weiß, wovon ich spreche.»

Das sehen viele so, aber nicht alle. Berlins FDP-Fraktionschef Sebastian Czaja etwa hält die geplante Schließung für einen großen Fehler: «Als Cityairport ist er nicht nur ein unschlagbarer Standortvorteil für den Wirtschafts- und Messestandort Berlin, er ist auch ein Entlastungsprogramm für den augenscheinlich dysfunktionalen BER.»

Czaja hat jahrelang für den Erhalt des Flughafens gekämpft. Zusammen mit dem Verein Pro Tegel startete die Berliner FDP 2015 eine entsprechende Initiative. Bei einem Volksentscheid, der den Senat allerdings nicht verpflichtete, den Flughafen offen zu halten, gab es 2017 für das Anliegen fast eine Millionen Stimmen und damit eine knappe Mehrheit. Alles umsonst.

Letzter Tag mit regulärem Flugbetrieb soll der 7. November sein. Am Tag darauf startet am Nachmittag noch einmal ein Airbus A320 der Air France Richtung Paris. Da schließt sich ein Kreis: Mit der französischen Fluggesellschaft begann 1960 der Linienflugverkehr.

Aber selbst viele Berlinerinnen und Berliner, die gar nicht fliegen wollten, zog es immer wieder nach Tegel. Manche nur, um in der Zeit der Teilung der Stadt von der Besucherterrasse aus Maschinen abheben zu sehen, die bald darauf im Westen landen durften. Tegel sei eben auch ein Symbol für die Freiheit West-Berlins gewesen, sagte Lütge Daldrup. Wegen der Corona-Krise war die Besucherterrasse monatelang geschlossen. Seit dem vergangenen Wochenende ist sie wieder offen - bis zum 7. November.

Wenn der Flughafen dann tatsächlich dicht ist, soll TXL nicht verschwinden. Das Kürzel steht künftig für ein Projekt, das erst noch entstehen muss: ein neues Stadtquartier mit über 5000 Wohnungen und Platz für mehr als 10 000 Menschen, direkt neben einem Forschungs- und Industriepark mit dem futuristisch klingenden Namen Urban Tech Republic. Die für die Entwicklung verantwortliche landeseigene Tegel Projekt GmbH will dort Gründer, Studenten, Investoren, Industrielle und Wissenschaftler zusammenbringen.

In der Urban Tech Republic sollen einmal bis zu 1000 Unternehmen und Institute ihren Platz finden. Das bisherige Terminal A ist als Hochschulstandort vorgesehen. Die Häuser im weitgehend autofreien neuen Schumacher-Quartier sollen in Holzbauweise entstehen. An sogenannten Mobility Hubs können Bewohner vom Auto auf Rad oder ÖPNV umsteigen.

Noch ist das Zukunftsmusik. Ein halbes Jahr lang muss Tegel ohnehin betriebsbereit bleiben, die Tegel Projekt GmbH übernimmt das Gelände erst im Sommer 2021. Noch im selben Jahr sollen die ersten Arbeiten beginnen. GmbH-Geschäftsführer Philipp Bouteiller rechnet für 2026 mit den ersten Bewohnern im Schumacher-Quartier - und mit 20 bis 30 Jahren für das gesamte Projekt. Falls sich die Bauzeit nicht unerwartet verlängert. Berlin ist da einiges gewohnt.

© dpa-infocom, dpa:201008-99-867488/2

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