«Trostpflaster»
Millionengeste von Lidl reicht Bauern nicht

Der Discounter will 50 Millionen Euro als Unterstützung für Landwirte zur Verfügung stellen, die unter den aktuellen Niedrigpreisen leiden. Doch die Bauern sehen darin nur ein Trostpflaster und fordern grundlegende Veränderungen.

Freitag, 04.12.2020, 14:44 Uhr aktualisiert: 04.12.2020, 14:46 Uhr
Landwirte blockierten mit ihren Traktoren die Zufahrt zum Zentrallager von Lidl.
Landwirte blockierten mit ihren Traktoren die Zufahrt zum Zentrallager von Lidl. Foto: Hauke-Christian Dittrich

Neckarsulm/Berlin (dpa) - Nach heftigen Bauernprotesten gegen die Preispolitik des Einzelhandels hat der Betreiber der Handelsketten Lidl und Kaufland, die Schwarz-Gruppe, Hilfen in Höhe von 50 Millionen Euro für die Landwirte angekündigt. Den Bauern ist das allerdings nicht genug.

«So ein Trostpflaster reicht bei weitem nicht aus, um die grundsätzlichen Probleme zwischen Landwirtschaft und dem gesamten Lebensmitteleinzelhandel zu lösen», sagte der Präsident des Deutschen Bauernverbandes, Joachim Rukwied, am Freitag.

Das Angebot sei zwar eine nette Geste. «Aber wegen des andauernden Preiskampfs verlieren unsere Bauern diesen Betrag fast wöchentlich», meinte er. Notwendig sei eine «grundlegende Veränderung in der Zusammenarbeit» zwischen den Bauern und dem Handel, sagte Rukwied. Die Bauern-Initiative «Land schafft Verbindung» sprach sogar von einer reinen Marketing-Aktion. Letztlich kämen auf jeden Betrieb nur 192,31 Euro. «Eine lächerliche Summe, womit nicht ansatzweise die Löcher in den Betrieben gestopft werden können», urteilte sie.

Die Schwarz-Gruppe hatte am Donnerstagabend angekündigt, im Laufe des kommenden Jahres über die Initiative Tierwohl 50 Millionen Euro zur Unterstützung ihrer Landwirte zur Verfügung zu stellen. Damit sollen insbesondere die durch die Corona-Pandemie und die Afrikanische Schweinepest verursachten Schwierigkeiten im Markt abgefedert werden. Das Unternehmen komme damit der Anfang der Woche gegebenen Zusage nach, pragmatische und schnelle Hilfen für Landwirte zu leisten, hieß es in Neckarsulm.

Der Hintergrund: Protestierende Bauern hatten in den vergangenen Wochen immer wieder die Lager verschiedener Händler mit Traktoren blockiert, um der Forderung nach besseren Preisen Nachdruck zu verleihen. Nach der Blockade eines Lidl-Lagers im niedersächsischen Cloppenburg hatte der Chef der Schwarz-Gruppe, Klaus Gehrig, den Landwirten zu Wochenbeginn Unterstützung zugesagt und einen «Dringlichkeitsgipfel» des Handels mit Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) angeregt.

Das am Donnerstag als Videokonferenz durchgeführte Spitzentreffen brachte jedoch nach Angaben aus Teilnehmerkreisen keine greifbaren Ergebnisse. Agrarministerin Klöckner betonte am Freitag noch einmal die Notwendigkeit einer Verständigung zwischen Händlern und Landwirtschaft. «Eine Möglichkeit hierfür ist ein Verhaltenskodex, mit dem sich der Handel eigene Regeln für ein faires Miteinander gibt. Das habe ich gestern angeregt», sagte sie. Gleichzeitig schlug Klöckner vor, auf den Verpackungen künftig den Anteil vom Verkaufspreis anzugeben, der an die Bauern geht.

Der Bauernverband verlangte am Freitag eine klare Selbstverpflichtung des Handels zum Ausstieg aus der «Dauerniedrigpreiskultur». Außerdem dürfe das Kartellrecht Landwirte und ihre Vermarkter nicht länger daran hindern, Gegengewichte zum Handel zu bilden, betonte der Verband. Darüber hinaus forderten die Bauern unter anderem eine angemessene Bezahlung für höhere Qualitätsstandards und eine Förderung der heimischen Landwirtschaft in der Einkaufspolitik.

Greenpeace wertete die Lidl-Millionen als einen richtigen ersten Schritt. «Die anderen Lebensmitteleinzelhändler müssen nun nachziehen», verlangte der Landwirtschaftsexperte der Umweltschutzorganisation, Martin Hofstetter. Letztlich sei aber ein Systemwandel nötig. «Der Wettkampf um die billigsten Lebensmittel muss endlich ein Ende nehmen.»

Im Handel stieß der Alleingang von Lidl auf wenig Verständnis. Der Lidl-Chef versuche offenbar, den Zorn der Bauern auf die anderen Händler abzulenken, war zu hören. Dabei seien die Probleme vom Handel allein gar nicht zu lösen. Denn einer der Hauptgründe für den aktuellen Preisverfall etwa bei Schweinefleisch sei der dramatische Rückgang der Fleischexporte infolge der Afrikanischen Schweinepest. Hier sei die Politik gefordert.

© dpa-infocom, dpa:201204-99-569919/3

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