Gesundheit
Gegen Grippe impfen? Was in Corona-Zeiten angezeigt ist

Zwei Krankheiten, ähnliche Risikogruppen: Mit Covid-19 und Grippe steht das Gesundheitssystem in diesem Herbst und Winter vor einer doppelten Herausforderung. Was kann der Einzelne tun?

Mittwoch, 14.10.2020, 16:52 Uhr aktualisiert: 14.10.2020, 16:54 Uhr
Eine Ärztin impft eine Person mit dem Arzneimittel Influsplit Tetra gegen Grippe.
Eine Ärztin impft eine Person mit dem Arzneimittel Influsplit Tetra gegen Grippe. Foto: Marcus Brandt

Berlin (dpa) - Ist harmlos? Wie eine banale Erkältung? Bei der echten Grippe ist das eine Fehleinschätzung. Geschätzt 25 000 Tote gingen bei der außergewöhnlich schweren Welle 2017/18 in Deutschland auf das Konto der Influenza.

Aber auch weniger heftige Grippewellen machen sich in Arztpraxen und Krankenhäusern bemerkbar. Experten und der Bundesgesundheitsminister werben nun auch wegen der Corona-Pandemie dafür, dass sich Menschen bestimmter Gruppen impfen lassen sollten. Dazu Fragen und Antworten:

Wie wird die kommende Grippesaison?

Das lässt sich nicht vorhersagen, der Verlauf ist jedes Jahr unterschiedlich. In dieser Saison ist es aus Sicht der Fachleute aber besonders wichtig, die Zahl der Fälle niedrig zu halten: wegen der Corona-Pandemie. Gäbe es gleichzeitig zahlreiche Erkrankte durch beide Erreger, könnte das die Krankenhäuser überlasten. Die Entwicklung im Winter auf der Südhalbkugel - Australien, Neuseeland, Südafrika und -amerika - kann allerdings optimistisch stimmen: «Praktisch ausgefallen» sei die Grippewelle dort, sagte der Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, am Mittwoch in Berlin.

Helfen die Corona-Regeln also auch gegen Grippe?

Abstand zu anderen Menschen halten, häufig Hände waschen, Alltagsmasken tragen und regelmäßig lüften: Was gegen Corona empfohlen wird, nützt aus RKI-Sicht auch, um das Risiko einer Ansteckung mit Influenzaviren zu reduzieren. Auch insgesamt träten wegen der Covid-19-Maßnahmen weniger Infektionskrankheiten auf, sagte Wieler. So habe es etwa seit März keinen Masernfall mehr hierzulande gegeben. Der Lockdown im Frühjahr bereitete wohl der vergangenen Grippewelle ein Ende: Sie fiel nach RKI-Daten mit einer Dauer von elf Wochen kürzer aus als die Grippewellen der fünf Vorsaisons.

Wem wird die Impfung empfohlen?

Wie Covid-19 sei die Grippe besonders für Ältere und chronisch Kranke gefährlich, sagte Wieler. Neben diesen beiden Gruppen wird eine Impfung etwa auch Schwangeren und medizinischem Personal in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen empfohlen.

Wie gut ist der Schutz?

Nicht optimal. «Die Impfung wirkt nicht bei allen Geimpften gleich gut», sagte Wieler. Die Schutzwirkung bei jungen Erwachsenen liegt laut RKI bei bis zu 80 Prozent, bei Älteren zwischen 40 und 60 Prozent. Aufgrund der Häufigkeit von Grippefällen wird aber angenommen, dass durch die Impfung immer noch eine große Zahl von Erkrankungen verhindert wird - laut dem RKI-Chef im Schnitt 400 000 Fälle pro Jahr in Deutschland. Es sei der beste verfügbare Schutz, ein «mächtiges Instrument». Wer trotz Impfung erkrankt, habe in der Regel keinen so schweren Verlauf, sagte Wieler. Erkältungen, die von anderen Erregern verursacht werden, kann man trotzdem bekommen.

Muss man einen schweren Grippeverlauf fürchten, wenn man nicht zur Risikogruppe zählt?

Eine Grippe verläuft nach RKI-Angaben bei gesunden Kindern und Erwachsenen unter 60 «in der Regel ohne schwerwiegende Komplikationen». Fachleute weisen aber darauf hin, dass Kinder bei der Influenza als Treiber von Infektionen gelten.

Sollten dann nicht besser alle Menschen geimpft werden?

Die Ständige Impfkommission (Stiko) stellte sich in einer Stellungnahme vom Juli gegen die Idee der Impfung für Jedermann: Auch, weil dann der Impfstoff für die Risikogruppen nicht reichen könnte. Zum Schutz der Menschen und zur Entlastung der Gesundheitssysteme sei der größte Effekt zu erreichen, wenn die Impfquoten vor allem in den Risikogruppen «erheblich gesteigert» würden, hieß es. Manche Krankenkassen kündigten dennoch an, allen Versicherten die Impfung wegen der Pandemie gratis anzubieten.

Wie viel Impfstoff gibt es?

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) betonte, es stünden so viele Impfdosen zur Verfügung wie noch nie: 26 Millionen. Laut dem Deutschen Hausärzteverband nehmen allerdings viele Ärzte eine erhöhte Nachfrage wahr und viele Praxen müssten auf die nächsten Chargen warten. Spahn wies Befürchtungen vor Versorgungsengpässen am Mittwoch zurück, es könne aber momentan lokal und zeitlich zu Lieferengpässen kommen. Laut Paul-Ehrlich-Institut sind bislang rund 19 Millionen Dosen freigegeben. Spahn zufolge ist eine Impfung auch später im Jahr noch sinnvoll. Es dauert bis zu 14 Tage, bis der Schutz aufgebaut ist, der Höhepunkt der Grippewelle kommt in der Regel nach dem Jahreswechsel.

Wie beliebt war die Impfung bisher?

Laut Stiko hat das Interesse in den vergangenen zehn Jahren kontinuierlich abgenommen. Dass sich bei den Über-60-Jährigen nur rund ein Drittel immunisieren ließ, wird als «völlig unzureichend» gewertet. Spahn wertete die Berichte über die Nachfrage derzeit insofern als ermutigendes Zeichen - in anderen Jahren seien Millionen ungenutzte Impfdosen vernichtet worden. Würden in dieser Saison alle verfügbaren Dosen genutzt, erreiche man eine so hohe Impfquote wie noch nie, so Spahn.

Kann man gleichzeitig an Grippe und Covid-19 erkranken?

«Gleichzeitige Infektionen mit Grippe und einem anderen Virus sind sehr, sehr unwahrscheinlich», sagte der Virologe Hendrik Streeck kürzlich der Deutschen Presse-Agentur. Das Immunsystem sei im Moment einer Infektion so in Alarm, dass eine zusätzliche mit einer weiteren viralen Erkrankung sehr selten vorkomme.

© dpa-infocom, dpa:201014-99-944665/2

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