Ein Weckruf
Zwischen Leben und Tod und seelenruhigem Alltag

„Es geht um Leben und Tod!“ Das hat Armin Laschet an diesem Dienstag gesagt. Drastischer sind die Situation und der Kampf gegen das Virus nicht zu beschreiben. Aber haben wirklich alle den Appell des NRW-Ministerpräsidenten verstanden? Beobachtungen und Gedanken an einem Tag, an dem die Pandemie längst jeden von uns - in welcher Facette auch immer - erreicht hat.

Dienstag, 17.03.2020, 19:07 Uhr aktualisiert: 17.03.2020, 20:30 Uhr
Ein Weckruf : Zwischen Leben und Tod und seelenruhigem Alltag
Am Dienstagmittag genossen auch in Münster viele Menschen die Frühlingssonne. Nicht immer hielten sie dabei einen Abstand von zwei Metern ein. Foto: Oliver Werner

Ich habe frei an diesem zweiten Tag der dritten März-Woche. Meine Eltern - 88 und 93 Jahre alt, aber noch in ihrem eigenen Haus lebend - müssen versorgt werden. Sie wohnen im Sauerland, ich besuche sie im 14-Tage-Rhythmus, meine Schwester lebt ganz in der Nähe. Sie schaut regelmäßig vorbei, unterstützt, wo es nötig ist, nun fällt sie aus: Quarantäne nach Skiferien in Österreich.
 
Natürlich hat mein Vater am vergangenen Wochenende gesagt, dass sie schon allein zurechtkommen würden. Der Wochenmarkt sei schließlich noch geöffnet, die Läden auch. Zum Bäcker und zum Metzger seien es nur ein paar Schritte und den abgelaufenen Lottoschein würde er auch verlängert bekommen. Zitat: „Die Oma bleibt zu Hause, zur Not fahre ich mit dem Bus. Junge, das mache ich mit links, ich habe ja sonst nichts zu tun.“

Einkaufsliste kostete Überzeugungsarbeit

Es war ein langer Weg, die alten Herrschaften davon zu überzeugen, dass es keine gute Idee sei, jetzt noch ständig durch Stadt und Läden zu ziehen und an jeder zweiten Ecke ein kleines Pläuschchen zu halten. Meine bessere Hälfte und meine Kinder haben in einigen Telefonaten erfolgreich Unterstützung geleistet. Am Sonntag hat mir meine Mutter schließlich per Handy eine Einkaufsliste für 14 Tage durchgegeben und ihr Mann seine favorisierten Glückszahlen. „Aber nur, wenn es dir passt…“

Im Einkaufsmarkt ist es um 9.30 Uhr nicht leerer oder voller als sonst. Ich sehe Menschen, die achtlos am aufgestellten Ständer mit Desinfektionstüchern vorbeilaufen. Ich hole mir völlig zu Recht einen Anpfiff ab, als ich mich an der Käsetheke zu weit nach vorn beuge, um auf eine Sorte zu zeigen, deren Name mir gerade entfallen ist. Vor der Kasse drängele ich mich an drei Damen vorbei, die auf engstem Raum und in aller Seelenruhe die schwierige Lage im Dorf diskutieren. Vor mir kauft ein junger Mann zwei Energydrinks. Vielleicht hätte er vier nehmen sollen oder sechs, um am nächsten und übernächsten Tag nicht direkt wieder loszumüssen. Wäre nun wirklich kein Hamsterkauf. Und dann läuft mir noch jemand über den Weg, der eigentlich unter Quarantäne steht. Erst auf der Weiterfahrt fällt mir ein, dass ich Brot vergessen habe. Der kurze Halt im nächsten Dorf wird noch kürzer als gedacht: Die Bäckereifachverkäuferin greift für den Kunden vor mir ohne Handschuhe und Zange in den Brötchenkorb und danach ins Münzfach der Kasse. Das mochte ich schon vor Corona nicht.

Auf dem Weg zur Autobahn sehe ich einen Landwirt, der sein Feld bestellt. Einen Transporter, der Schweine an ihren letzten Bestimmungsort bringt. Und Autos, die sich mir im Rückspiegel nähern und vor der nächsten Ampel ihre Bremslichter zeigen. Business as usual.
 
Die Bahn ist gefühlt leerer als sonst. Aus dem Radio erfahre ich, dass ein Programm für im Ausland gestrandete deutsche Touristen anlaufen soll. 50 Millionen Euro werden dafür bereitgestellt. Mir geht durch den Kopf, was dem Staat wohl die vielen unterbezahlten Pflegekräfte wert sind, die jetzt unermüdlich helfen und Gefahr laufen, sich selbst zu infizieren. Wie wird diesen wahren Heldeninnen und Helden gedankt, wenn die Krise überstanden ist. Möglicherweise geht es auch für sie um Leben und Tod.
 
Das vielleicht größte Problem ist, dass es noch nicht jeder verstanden hat. Als ich die Autobahn verlasse, fallen mir Nistkästen an den Bäumen auf. Aufgehängt zur Bekämpfung des Eichenprozessspinners. Dieses im vergangenen Jahr so große Problem ist aktuell so klein wie der Schädling selbst. Die Natur ist sowieso stärker als wir. Sie blüht auch in Zeiten der Seuche auf. Heute morgen hat unsere Hausmeise ins Schlafzimmer geschaut  und uns einen schönen Tag gewünscht. Sie weiß und spürt nichts von Covid-19.

Volles Café

Auch Mitmenschen verschließen vor der Gefahr die Augen. An einer Kreuzung schaue ich durch die große Frontscheibe in ein Café. 30, 40 Menschen, überwiegend ältere Semester, sitzen dort an den Tischen, Mindestabstand gilt für den Besitzer offensichtlich bestenfalls im Straßenverkehr. Wenn es niemanden der Spätfrühstücker stört… 

Nebenan stellt der Postbote ein Paket zu, die Empfängerin lässt es sich über den Zaun reichen. Sie hat verstanden, dass es um Leben und Tod geht.

Wilfried Sprenger

Ich denke an die vielen Menschen in gesundheitlicher Not. Es werden täglich mehr. Wir schaffen das, hat die Kanzlerin einmal in anderer Sache gesagt. Meine Gedanken wandern über die Landesgrenzen hinaus. Zehntausende Flüchtlinge hausen in Lagern in der Türkei in der Hoffnung auf Frieden und Zukunft. Was geschieht, wenn dort das Virus um sich greift?
 
Auch in Deutschland sind die ersten Menschen am neuen Virus gestorben. Familie, Freunde und Nachbarn kennen Namen und Gesichter. Große Überschriften füllen andere. Prominente, denen es vergleichsweise gut geht:  Hanks, Kerner, Merz.
 
Ich denke an die Friseurin aus dem Nachbardorf, die sich gerade selbstständig gemacht hat und „nebenbei“ noch die Meisterschule besucht. Sie darf ihren Salon weiter öffnen, aber wie viel Kundschaft kommt noch? Wird sie es wirtschaftlich überstehen? Und was wird aus dem bezaubernden Spielwaren-Laden, der ohnehin schon unter der mächtigen Online-Konkurrenz ächzt und bald vielleicht schließen muss?  Werden die jungen Pächter die Durststrecke überstehen?
 
Im Fitnessstudio vor endlich angeordneter Schließung habe ich am Sonntag noch Menschen schwitzend an Hanteln und auf Laufbändern gesehen. Es war der Tag, an dem ich gehört habe, dass sich medizinisches Personal auf eine sehr harte Zeit einstellen solle und damit begonnen werde, Schulen in provisorische Krankenhäuser umzurüsten.
 
Ich bin wieder zu Hause, meinen Eltern geht es gut. Ich glaube, sie haben inzwischen verstanden, dass es großen Sinn macht, Wissenschaftlern zuzuhören und ihren Appellen zu folgen.
 
Bleiben Sie gesund. Seien Sie solidarisch. Und bleiben Sie emphatisch.

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