NRW bereitet sich auf stark steigende Zahl von Erkrankten vor
Suche nach der letzten Reserve

Düsseldorf -

Nordrhein-Westfalen kämpft mit scharfen Maßnahmen gegen das Coronavirus. Trotzdem steigen die Zahlen sprunghaft. Das Land wappnet sich für ein Szenario mit vielen schwerkranken Infizierten.

Mittwoch, 18.03.2020, 20:16 Uhr aktualisiert: 18.03.2020, 20:30 Uhr
Die Intensivstation eines deutschen Krankenhauses: Das Land NRW versucht, jede verfügbare Reserve zu nutzten, bevor die Zahl der Erkrankten deutlich steigt.
Die Intensivstation eines deutschen Krankenhauses: Das Land NRW versucht, jede verfügbare Reserve zu nutzten, bevor die Zahl der Erkrankten deutlich steigt. Foto: dpa

Mit Appellen an die Vernunft der Bürger allein ist es nicht getan: Für NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) und sein Haus geht es jetzt darum, schnellstmöglich alle Reserven der medizinischen Versorgung für die erwartete hohe Zahl vom Corona-Patienten zu aktivieren. Zugleich bangen rund 90.000 Oberstufenschüler, wann und wie sie ihre Abiturprüfungen absolvieren können.

  • Notfallpläne für Kliniken: „Wir werden alles tun, damit unsere Krankenhäuser ungestört arbeiten können.“ Den Satz will Laumann am Mittwoch als Versprechen verstanden wissen. Die Rentenversicherer verschieben nicht zwingende Rehabilitationsmaßnahmen und stellen so in ihren Reha-Kliniken die Hälfte der Kapazitäten bereit, Gleiches will der Minister mit privaten Trägern vereinbaren. Medizinisch notwendige Rehabilitationsmaßnahmen seien davon unberührt.
  • Krisenszenarien: Überall im Land arbeiten Krankenhäuser und kommunale Krisenstäbe an einem Notfallszenario, wie Laumann berichtete. Diese sähen etwa vor, dass OP-Säle zu „Beatmungszentren“ umgewidmet werden. Zugleich würden stillgelegte Immobilien wieder als Krankenhaus aufgerüstet. „Es werden in jeder Region alle Maßnahmen ergriffen, um möglichst viele medizinische Versorgungsplätze mit Krankenhausniveau zu schaffen“, sagte der Minister. Ob die Zahl der Plätze verdoppelt werden kann, sei insbesondere eine Frage des Personals.

 

Maßnahmen der NRW-Landesregierung

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  • Die Bundesregierung und die Länder haben sich am Sonntag (22. März) auf weitere Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie geeinigt. Die Einschränkungen gelten zunächst bis zum 20. April.

    Foto: dpa
  • Schulen und Kitas geschlossen

    Bereits seit Montag (16.3.) sind die Schulen in NRW geschlossen. Die Lehrer blieben im Dienst, zur Vorbereitung von Abschlussarbeiten etwa oder um digitale Unterrichtsformen durchzuführen.

    Ebenso dürfen Kinder bis zum schulpflichtigen Alter seit Montag nicht mehr in Kitas gebracht werden. Kinder sollten nicht bei Großeltern untergebracht werden.

    Für die Kinder des Personals, das zur Bewältigung der Krise notwendig sei, gibt es besondere Betreuungsangebote.

    Foto: Caroline Seidel
  • Geschäfte und Läden werden geschlossen.

    In Nordrhein-Westfalen sind seit Mittwoch (18.3.) alle Geschäfte und Läden geschlossen, die nicht der täglichen Grundversorgung dienen. Supermärkte, Wochenmärkte, Apotheken, Drogerien, Baumärkte, Großmärkte, Lieferdienste, Apotheken, Zeitschriftenhandel und Friseure zum Beispiel bleiben auf. Lebensmittel dürfen sonntags verkauft werden. Aber alle großen Supermarktketten wollen vorerst bei ihren Öffnungszeiten bleiben und nicht sonntags öffnen.

    Foto: dpa
  • Spielplätze

    Alle Spiel- und Bolzplätze sind gesperrt. "Bitte jetzt nicht auf irgendwelche Wiesen ausweichen", mahnte NRW-Familienminister Stamp.

    Foto: dpa
  • Gastronomie

    Restaurants,Bars, Cafés, Kneipen und Amüsier-Etablissements müssen ganz schließen. Nur Lieferung oder Abholung sind noch möglich.

    Foto: dpa
  • Tourismus

    Hotels dürfen keine Touristen mehr beherbergen. Reisebusreisen sind verboten.

    Foto: dpa
  • ÖPNV wird eingeschränkt:

    Der öffentliche Personennahverkehr in NRW wird wegen der Corona-Krise eingeschränkt. Bahn und Busse fahren vielerorts nur noch nach dem Ferien-Fahrplan. Es wird empfohlen, nur noch in dringenden Fällen den öffentlichen Nahverkehr zu nutzen. Fahrkarten-Kontrollen werden nicht mehr durchgeführt.

    Die Stadtwerke Münster bitten  alle Fahrgäste, in den Stadtbussen bis auf Weiteres nur die hinteren Türen für den Ein- und Ausstieg zu nutzen. Die erste Tür direkt bei der Fahrerin oder beim Fahrer bleibt vorsorglich geschlossen, im Bus werden keine Tickets mehr verkauft.

    Foto: Matthias Ahlke
  • Freizeit

    Per Erlass der Landesregierung sind Veranstaltungen grundsätzlich untersagt, dazu gehören auch alle Konzerte oder Aufführungen.

    Kultureinrichtungen wie Ausstellungen und Kinos sind geschlossen. Auch Tier- und Freizeitparks müssen den Betrieb einstellen, gleiches gilt für Sportanlagen.

    Foto: Matthias Ahlke2
  • Sportbetrieb eingestellt

    Keine Spiele, kein Training. Auch Fitnessstudios und Schwimmbäder dürfen nicht mehr öffnen. Der Sport in NRW steht komplett still.

    Foto: imago-images
  • Gottesdienste abgesagt:

    Es dürfen ab sofort keine Gottesdienste mehr abgehalten werden. Alle religiösen Veranstaltungen müssen bis auf Weiteres abgesagt werden.

    Foto: Oliver Werner
  • Sommersemester-Start an NRW-Hochschulen verschoben:

    Wegen der Ausbreitung des Coronavirus wird auch der Start des Sommersemesters an den nordrhein-westfälischen Hochschulen vorerst bis zum 20. April, dem Ende der Osterferien, verschoben.

    Ursprünglich sollte das Sommersemester an den Fachhochschulen am 23. März und an den Universitäten am 6. April beginnen.

    Foto: Sebastian Gollnow
  • Operationen verschieben:

    Alle nicht zwingend nötigen Operationen in NRW sollen wegen der Coronakrise auf absehbare Zeit verschoben werden. Das sagte Ministerpräsident Armin Laschet (CDU). 

    Foto: Georg Wendt
  • Keine Besuche mehr in Pflege- und Altenheimen in NRW:

    Wegen der Ausbreitung des Coronavirus dürfen Alten- und Pflegeheime in NRW grundsätzlich nicht mehr besucht werden. Besuche seien nur in dringenden Ausnahmefällen möglich, sagte Ministerpräsident Armin Laschet bei einer Pressekonferenz in Düsseldorf.

    Foto: Klaus-Dietmar Gabbert

 

  • Intensivmedizin: Auch für NRW gilt das Ziel, die Kapazitäten zu verdoppeln. Engpässe gebe es bei der Technik und beim Fachpersonal. Laumann berichtete, die Krankenhäuser nutzten die durch jetzt abgesagte Operationen verfügbare Zeit, um Mitarbeiter fortzubilden.
  • Beatmungsgeräte: Mit mehr als 5300 vorhandenen Beatmungsplätzen stehe NRW gut da, meint Laumann. Doch die steigende Nachfrage nach intensivmedizinischer Technik sorge für Lieferengpässe. Mit dem größten deutschen Anbieter von Beatmungsgeräten sei deshalb vereinbart, dass er seine Kapazitäten verdoppelt. Die Geräte würden auf die Länder verteilt. Zudem nutzten Kliniken ihre Lieferanten.
  • Notfallbetreuung: Nur drei bis vier Prozent der sonst an den Grundschulen unterrichteten Kinder brauchen eine Notfallbetreuung. In der Spitze seien es zehn Prozent, berichtet Schul­ministerin Yvonne Gebauer von einer ersten Umfrage. Genaue Zahlen sollen am Donnerstag vorliegen. Ähnlich zeigt sich die Lage in den Kitas.
  • Abiturprüfungen: Vom bayerischen Vorstoß, die Abi-Prüfungen zu verschieben, ist Gebauer überrascht worden. Solche Szenarien habe zwar auch ihr Ministerium vorbereitet. Aber um das Konzept des Zentralabiturs mit gemeinsamem Aufgabenpool zu erhalten, brauche es einheitliche Prüfungstermine. Gebauer betont: „Die rund 90.000 angehenden Abiturientinnen und Abiturienten in Nordrhein-Westfalen werden ihre Prüfungen ablegen können.“ Einen „Corona-Bonus“ bei der Bewertung könne es aber nicht geben.
Keine Kita – aber Beiträge?

Die geschlossenen Kitas stellen viele Eltern nicht nur vor die Aufgabe, ihre Kinder zu betreuen. Weil bei vielen damit das Einkommen sinkt, rückt die Frage nach einer Erstattung der Kita-Beiträge in den Blick. „Wir reden hier über Tag 3“, bat Familienminister Joachim Stamp um Geduld. Oberste Priorität habe, das Virus auszubremsen. Das Land werde die Lage der Eltern, zumal bei Selbstständigen oder Alleinerziehenden, aufgreifen. „Es ist natürlich völlig klar, dass es nicht über Wochen und Monate gleichzeitig Elternbeiträge, aber keine Leistung gibt.“ Zu viel Hoffnung wollte er wohl nicht verbreiten: „Es wird auch finanzielle Opfer jedes Einzelnen kosten.“

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