Interview mit Dr. Dirk Spelmeyer
Niedergelassenen Ärzte klagen über Mangel an Schutzkleidung

Münster/Dortmund -

Niedergelassene Ärzte beklagen, dass sie in der Corona-Krise nicht ausreichend geschützt werden. Dr. Dirk Spelmeyer, Erster Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe, hat sich im Interview über die Probleme der niedergelassenen Ärzte geäußert.

Freitag, 20.03.2020, 08:00 Uhr aktualisiert: 20.03.2020, 08:22 Uhr
Niedergelassene Ärzte klagen über fehlende Schutzkleidung
Niedergelassene Ärzte klagen über fehlende Schutzkleidung

Warum beschweren sich niedergelassene Hausärzte darüber, in der derzeitigen Corona-Krisensituation keine Schutzmaterialien zur Verfügung gestellt zu bekommen?

Spelmeyer: Dass Angst umgeht, kann ich voll und ganz verstehen. Dennoch ist der Umgang mit virenbelasteten Patienten, mit ansteckenden Erkrankungen in unseren Praxen ja nichts Außergewöhnliches. Wir haben Grippekranke, wir haben Menschen, die sich mit antibiotikaresistenten MRSA-Keimen infiziert haben, Tuberkulose und Diphtherie tauchen immer wieder auf. Auch hier müssen Ärzte und Angestellte sich gegen Ansteckung schützen. Viele Praxen haben für diese Fälle Schutzmaterialien vorrätig. Vieles wurde aber in den letzten Tagen auch schon verbraucht – und es stockt der Nachschub.

Was fehlt, was wird dringend benötigt?

Spelmeyer: Es fehlt an Schutzmasken, Schutzbekleidung und Desinfektionsmitteln. Da die üblichen Händler nicht mehr liefern können, haben wir als Kassenärztliche Vereinigung einen zentralen Einkauf für alle unsere Mitglieder gestartet. Mit Hochdruck versuchen wir weltweit zu bekommen, was es gibt.

Haben Sie Verständnis dafür, dass sich Ärzte über fehlende Schutzausrüstungen beklagen?

Spelmeyer: Ja, natürlich. Deshalb setzen wir uns mit voller Kraft dafür ein, die Testung von Verdachtsfällen sowie die Behandlung von Corona-Infizierten aus den Praxen der Haus- und Fachärzte heraus zu halten. Westfalenweit betreiben wir in Kooperation mit den Gesundheitsämtern mittlerweile 35 selbstständige Diagnosezentren. Hier werden Abstriche nur auf Überweisung vorgenommen – der Hausarzt kann seine Verdachtsfälle ohne eigenen Kontakt hier überprüfen lassen.

Von Organisationsversagen ist die Rede. Es sei aufgrund der Ereignisse in China und Italien absehbar gewesen, dass die Verantwortlichen im Gesundheitssystem zeitnah Schutzmaterialien hätten ordern müssen.

Spelmeyer: Es geht bei dieser Krise nicht darum, ob wir jedem Kollegen eine Schutzmaske in die Hand drücken können. Wer hier leichtfertig von Organisationsversagen redet, sollte sich besser einmal ansehen, was unser gesamtes Gesundheitswesen in den letzten Wochen schon geleistet hat. Unter hohem zeitlichem Druck bauen wir Strukturen für die Infizierten auf – und halten gleichzeitig noch eine umfangreiche Versorgung für alle anderen Erkrankten in unserer Region aufrecht. Das ist alles andere als Organisationsversagen. Das haben wir allen engagierten Kolleginnen und Kollegen in Praxis und Klinik zu verdanken. Das organisieren die Gesundheitsämter und die Kassenärztliche Vereinigung in diesen Tagen. Wir haben eine Krise, die uns alle fordert – und ich mache keiner Kollegin und keinem Kollegen einen Vorwurf, der diese Krise nicht rechtzeitig kommen sah und seine Praxis nicht vorbereitet hat.

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