Interview mit der Präsidentin des Sparkassenverbandes Westfalen-Lippe
Liane Buchholz: „Geld zu bunkern, ist unsinnig“

Münster. -

Die Corona-Krise trifft auch den Bankensektor immer stärker. Geschlossene Filialen und Ängste der Kunden davor, nicht mehr an frisches Bargeld zu kommen, sorgen für Verunsicherung. Über die aktuelle Lage bei den Sparkassen in der Region haben wir mit Prof. Dr. Liane Buchholz, der Präsidentin des Sparkassenverbandes Westfalen-Lippe mit Sitz in Münster, gesprochen

Freitag, 20.03.2020, 13:45 Uhr aktualisiert: 20.03.2020, 13:58 Uhr
Prof. Dr. Liane Buchholz, Präsidentin des Sparkassenverbandes Westfalen-Lippe
Prof. Dr. Liane Buchholz, Präsidentin des Sparkassenverbandes Westfalen-Lippe Foto: Gunnar A. Pier

Frau Professor Buchholz, immer mehr Sparkassenfilialen schließen im Moment wegen der Corona-Krise. Kommen die Kunden noch überall an ihr Geld?

Prof. Buchholz: Selbstverständlich. Die Bundesbank hat klargestellt, dass ihre Tresore voll sind. Und genau das ist auch unser Erleben. Alle Banken bekommen sehr schnell neues Geld, auch weil die Bestellfristen verkürzt wurden. Die Bargeldversorgung ist überhaupt kein Problem. Die Menschen können deshalb mit Augenmaß handeln. Das Bunkern von Geld wäre genauso unsinnig wie das von Toilettenpapier!

Es gibt ja nun Kunden, die keine Online-Kunden sind, und die haben möglicherweise selbst in diesen Zeiten das Bedürfnis, Überweisungen zu tätigen oder sonstige Bankgeschäfte zu erledigen. Wie können die Kunden das machen?

Buchholz: Selbst wenn noch weitere Einschränkungen auf uns zukommen: Sparkassen werden immer erreichbar sein. Wir sind von der Landesregierung zur kritischen Infrastruktur erklärt worden. Das gilt für die Bargeldversorgung, für Überweisungen, für Kredite und vieles mehr. Die Institute tun wirklich alles – zum Schutz ihrer Mitarbeiter, aber auch zur Aufrechterhaltung der Infrastruktur. Weil aber auch wir viele Mitarbeiter vorsorglich ins Homeoffice schicken, müssen wir einige Filialen vorübergehend schließen. Es sind aber immer Anlaufstellen geöffnet.

Könnte es dennoch passieren, dass im Zuge dieser Krise eine Sparkasse in Schieflage gerät?

Buchholz: Nein. Es ist in den letzten Jahren durch die Geldpolitik soviel Liquidität geflossen, dass wir gerade damit überhaupt kein Problem haben. Die westfälisch-lippischen Sparkassen verfügen zudem über sehr solide Eigenkapitalpolster. Da ist in den vergangenen Jahren alles richtig gemacht worden. Heute zahlt es sich aus.

Gilt das möglicherweise auch für eher etwas problematischere Institute? Es gibt ja sicherlich Institute, deren Geschäftslage nicht so optimal ist.

Buchholz: Für alle gilt, dass die Lage beim Eigenkapital so solide ist, dass ich mir um keine Sparkasse Sorgen mache.

Kommen wir zu der im Moment entscheidenden Frage: Wie gelingt die Liquiditätsversorgung der Unternehmen, vor allen Dingen auch der mittelständischen und kleinen Unternehmen? Was tun die Sparkassen dafür?

Buchholz: Wir wissen, dass es unsere wichtigste Aufgabe ist, den Unternehmen und Freiberuflern durch das tiefe Tal zu helfen. Dabei müssen wir besonders auf die kleineren Unternehmen achten: Anders als vor zehn Jahren in der Finanzmarktkrise – als es die Großen waren, die zuerst Geld brauchten – beginnen die Probleme diesmal bei den Kleinsten. Dort brechen inzwischen seit Wochen die Einnahmen weg. Das ist existenziell. Uns, aber auch der Bundes- und der Landesregierung, ist bewusst: Viele dieser Unternehmen werden Finanzhilfen jeder Art mit großer Wahrscheinlichkeit nicht zurückzahlen können. Darum werden Hilfen für diese Firmen als Zuschüsse fließen müssen. Das geht jedoch nicht sofort, weil eigentlich das EU-Beihilferecht im Weg ist. Aber es mehren sich die Anzeichen, dass wir solche Zuschussprogramme bald bekommen. Andere Bundesländer machen das bereits. Wir brauchen sie auch für westfälisch-lippische Unternehmen.

Es ist ja so, dass staatliche Stellen Kredite bis zu 80 Prozent und mehr absichern. Würden Sie für die restlichen zehn bis 20 Prozent haften?

Buchholz: NRW hat als bisher einziges Bundesland die Haftungsfreistellung für Kreditprogramme der Förderbanken auf 90 Prozent angehoben. Das war ein wichtiger Schritt. Aber es ist richtig: Wir müssen Stand heute für einen Teil der Kredite ins Risiko gehen. Aber wir kennen unsere Kunden gut. Wir haben schließlich in manchen Regionen einen Marktanteil bei gewerblichen Kunden von über 70 Prozent. Wir wissen also, über wen wir reden. Von der Risikoprüfung befreien uns die KfW und die NRW-Bank allerdings nicht. Deshalb werden wir sie natürlich durchführen. Wenn es dann auch eine Fortführungsprognose gibt, dann werden wir die Firmen selbstverständlich unterstützen. In der Regel sind das Kunden, denen wir bereits Kredite gegeben haben. Wir haben also ein großes Interesse, diese bereits vergebenen Kredite nicht gänzlich abzuschreiben.

Jetzt noch kurz zum Thema Geldanlage: Die Börsenkurse sind ja stark gefallen, würden Sie einem Privatanleger raten, jetzt Aktien zu kaufen?

Buchholz: Nein, das wäre nur etwas für sehr risikobewusste Anleger. Ich persönlich würde noch etwas warten. Niemand wird derzeit ernsthaft ausschließen wollen, dass es noch weiter nach unten geht.

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