Nach Corona
Schulen auf dem Rückweg in die Normalität

Münsterland -

Bis zu den Sommerferien sind es noch drei Wochen – doch schon jetzt richtet sich alle Aufmerksamkeit auf die Zeit danach: Eltern, Schüler und Lehrer würden am 12. August trotz Corona gerne wieder in einen geregelten Schulbetrieb starten. Das Ziel verfolgt auch NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP), bis zum Ferienbeginn soll Klarheit herrschen. Erste Erfahrungen dafür liefert die kurzfristige Rückkehr der Grundschulen in täglichen Präsenzunterricht.

Samstag, 06.06.2020, 11:00 Uhr aktualisiert: 06.06.2020, 11:53 Uhr
Nach Corona: Schulen auf dem Rückweg in die Normalität
Die Mehrheit der Familien hat die Zeit der kompletten Schulschließungen aufgrund der Corona-Krise laut einer Forsa-Umfrage durchaus positiv erlebt. 82 Prozent der befragten Mütter und Väter gaben an, dass sie mit der Situation in der Familie während des Homeschoolings zufrieden (61 Prozent) oder sogar sehr zufrieden (21 Prozent) waren. Foto: DAK, forsa

Sehnsucht nach der Schule wächst

Es ist ein Satz, den inzwischen nicht nur Lehrer, sondern ebenso Schüler und Eltern unterschreiben: „Wir haben in den vergangenen Covid-19-Wochen erkennen müssen, wie sehr der Unterricht an den Schulen und in den Klassenräumen gefehlt hat“, sagt Sabine Mistler, Landesvorsitzende des Philologenverbandes. Sie beschreibt damit die Erwartung, dass die Schulen in NRW nach den Sommerferien möglichst flächendeckend mit einem geregelten Stundenplan arbeiten.

Der Druck auf NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) ist immens: Besonders die Elternverbände drängen, dass ihre Kinder in einen geordneten Unterricht zurückkehren. Hingegen pochen die Lehrerverbände zugleich auf umfassenden Infektionsschutz. Denn seit Mittwoch gelten für Lehrkräfte neue Regeln: Auch wenn sie älter als 60 Jahre sind, müssen sie künftig wieder in den Klassen unterrichten. Persönliche Gesundheitsrisiken müssen sie mit einem ärztlichen Attest nachweisen. Damit stehen seit dieser Woche rund 82 Prozent aller Lehrkräfte für mehr Unterricht zur Verfügung. Bisher konnten wegen der pauschalen Altersgrenze nur 72,6 Prozent eingesetzt werden. An Gymnasien sind nach Ministeriumsangaben 93,5 Prozent einsatzbereit, 80 Prozent an den Grundschulen.

Ob im neuen Schuljahr der Regelbetrieb starten kann, will Gebauer vor den Ferien erklären: Für Schulen und Lehrer wird es eng, sie müssen die Stundenpläne jetzt festlegen.


Grundschulen sollen kurzfristig umplanen

Kein Abstandsgebot, keine Atemschutzmasken: Ab dem 15. Juni werden die Grundschüler in NRW für die letzten zwei Wochen vor den Sommerferien klassenweise und täglich unterrichtet. Auch der Offene Ganztag startet wieder, die Notbetreuung endet. Gerade in der Primarstufe sei es wichtig, den Kindern „nochmals einen durchgehenden und geordneten Schulalltag zu ermöglichen“, begründete Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) ihre Entscheidung. Kinder bis zehn Jahren spielten in der Infektionsentwicklung keine Rolle. Die Klassen sollen in ihren Räumen bleiben, die gut gelüftet, aber nicht zwischendurch gereinigt werden sollen. Den Pausenhof dürfen sie nur klassenweise nutzen.

Zwar unterstützten SPD und Grüne die Öffnung. Vier Tage Vorlauf seien aber zu kurzfristig, das stehe für den unstrukturierten Führungsstil der Ministerin, kritisierte SPD-Fraktionsvize Jochen Ott. „Ministerin Gebauer treibt die Erwartungen bei den Eltern hoch und lässt die Schulen allein“ rügte die Grünen-Schulpolitikerin Sigrid-Beer. Dabei vergesse sie, dass sich im Ganztag und beim Essen die Gruppen mischen. „Wir sind fassungslos über den Umgang mit den Schulen“, wetterte Stefan Behlau vom Verband Bildung und Erziehung. Alle Pläne würden kurzerhand umgeworfen. Ein hohes Gesundheitsrisiko einzugehen, sei „gefährliche Symbolpolitik“, kritisierte Maike Finnern für die Gewerkschaft Bildung und Erziehung.


Berufskollegs bleiben im Krisenmodus

An den Berufskollegs nehmen trotz des allgemeinen Schulstarts noch nicht alle Schüler wieder am Präsenzunterricht teil. Allen werde allerdings die Möglichkeit gegeben, den erforderlichen Stoff zu lernen und notwendige Abschlüsse zu machen, heißt es in einem Bericht des Schulministeriums für den Landtag. Die größte Aufmerksamkeit richtet sich auf zwei Krisenszenarien. So sollen Auszubildende ein Auffangangebot erhalten, wenn ihr Lehrbetrieb Insolvenz anmelden und den Ausbildungsvertrag im ersten oder zweiten Jahr kündigen muss.

Noch dramatischer klingt die zweite Aufgabe: „Ausbildungsangebote zum Auffangen des erwarteten Wegbrechens des Ausbildungsmarktes“, so steht es in Ministerialsprache im Bericht. Wie groß das Problem wird, sei noch nicht abschätzbar, heißt es dazu im Arbeitsministerium und beim Arbeitgeberverband Unternehmer NRW.

Eine erste Vorstellung hat die Arbeitsagentur NRW geliefert, der zufolge bis Ende Mai rund 10 000 Lehrstellen weniger als vor einem Jahr gemeldet wurden. Von den annähernd 96 000 verfügbaren Ausbildungsstellen sind aber fast 50 000 noch nicht besetzt. Die Corona-Pandemie habe die Entscheidungen in den Herbst verschoben.

Für die Berufskollegs bedeutet das möglicherweise, dass sie Übergangsangebote entwickeln müssen – neben der Rückkehr in einen geregelten Schulalltag keine einfache Herausforderung.


Ferien werden zum Stressauslöser

Der Urlaub vieler Eltern ist aufgebraucht, andere kehren nach Homeoffice oder Kurzarbeit wieder zurück in ihre normale Arbeitswelt: Damit stehen viele Familien in NRW vor einem enormen Betreuungsproblem in den Sommerferien, warnt die Landeselternkonferenz. Wie andere Elternverbände fordert sie deshalb Angebote, in denen die Kinder nicht nur betreut werden, sondern ebenso verpassten Lernstoff nachholen können. So könnten studentische Hilfskräfte die Schüler beim Lernen unterstützen.

Für alle Kinder bis ein-schließlich der Klasse 8 müsse das Land ein freiwilliges Betreuungsangebot sicherstellen, fordert Ralf Radke von der Landeselternschaft der integrierten Schulen in NRW. „Anders haben viele Eltern keine Chance, ihre Arbeitszeiten nachzuholen.“ Viele Kommunen hätten ihre Freizeitangebote wegen Corona bereits gestrichen.

Möglicherweise zu früh: Die jüngste Rechtsverordnung des Landes erlaubt wieder Ferienspielangebote, Stadtranderholung und Ferienfahrten unter freiem Himmel. Familienminister Joachim Stamp (FDP) hofft bei Kommunen und freien Trägern auf eine große Bereitschaft, solche Angebote jetzt noch zu schaffen. Die brauchen dafür allerdings Zeit – für die Eltern eine weitere Geduldsprobe. Das Schulministerium plant noch, verweist aber bereits darauf, dass an Grundschulen geplante Ferienangebote des Offenen Ganztags erlaubt sind. Auch „Fit in Deutsch“ soll es geben.

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